Vom Zustand der Welt
Hans Christoph Buchs "Kain und Abel in Afrika"

Hans Christoph Buch
19.9. 20.00 Uhr Literaturhaus,
Schwanenwik 36
Eintritt: 10.-/6.- DM.


Was fragt man, wenn einer aus Afrika zurückkommt? Man fragt, ob es eine schöne Reise war? Man fragt nach dem Wetter, danach, ob die Menschen freundlich und nett waren und die Unterkunft angenehm. Doch was soll man schon sagen, wenn einer dann von „aus dem verschmorten Fleisch ragenden Knochen erzählt“, von Männern, Frauen und Kindern, die mit Benzin übergossen und lebendig verbrannt worden sind? „Auswegloses Leiden,“ weiß Hans Christoph Buch, „erregt kein Mitleid, sondern Abscheu.“ Wie man über Gewalt schreiben kann, ohne diesen Fluchtreflex herauszufordern, hat der Schriftsteller und Literaturtheoretiker in seinen Reportagen gezeigt, die auf höchstem literarischen Niveau, doch engagiert und bestimmt aus den Krisenregionen der Welt berichten. Zwischen Politik und Literatur, zwischen publizistisch aufbereiteten Fakten und erzählerischer Fiktion hat er sich mit seinen Publikationen bisher vorwiegend bewegt. Aus politischer Überzeugung oder einem moralischen Verantwortungsgefühl für die Unterdrückten dieser Welt, ist er jedoch nicht nach Ost-Timor geflogen, in den Kosovo, nach Ruanda, Liberia, Sierra Leone, Zaire, Tschetschenien, Algerien oder in den Sudan. Vordergründig waren es Aufträge für deutsche Zeitungen und Zeitschriften, die ihn als Kriegsreporter zum Augenzeugen von unvorstellbaren Gräueltaten gemacht haben. Als Motiv für seine Reisen in den Krieg, findet er die „existentiellen Herausforderungen“ noch am schlüssigsten, „denen ein Autor sich stellen muss, wenn er etwas über sich und die ihn umgebende Welt herausfinden will“. Journalistische Aufklärungspflicht hat ihn folglich nicht angetrieben, schon eher die Erfahrung von „Grenzsituationen wie Geburt und Tod, Gefängnis und Exil, Folter und Krieg“. Eine solche Grenzsituation hat er 1995 in Ruanda und Burundi selbst erlebt.

In seinem Roman „Kain und Abel“ in Afrika erzählt Hans Christoph Buch von dem Völkermord, genaugenommen vom zweiten Teil des Mordens, der Rache der Tutsi an den Hutus. Seinen Augenzeugenbericht über dieses Inferno hat er mit der historischen Rekonstruktion der Afrikaexpedition des Arztes Richard Kandt verwoben, der sich 1898 aufmachte, um die Quellen des Nils zu finden. Kandt, der im Roman als Ich-Erzähler auftritt, während für die Berichte aus der Gegenwart ein distanziertes „Du“ gewählt wurde, entdeckt den ganzen Reiz fremder Kulturen, den Reichtum noch nicht genutzter Ressourcen und die Gefahren einer fremden Welt, die für ein paar Jahrzehnte Teil des deutschen Kolonialreiches wird und für weitere vierzig Jahre „treuhänderisch“ von Belgien verwaltet werden sollte. Die Kolonialherrschaft und der Einfluss der Europäer haben alle tradierten Untugenden gefördert und die Region nachhaltig chaotisiert. Ganz ohne zu suggerieren, damit eine Erklärung für die furchtbaren Völkermorde 1994, 1995 und 1996 gefunden zu haben, werden durch die historische Perspektive Entwicklungslinien aufgezeigt und damit Mechanismen der Krisen der Gegenwart offen gelegt. Zudem wird diese „harte Geschichte“ (Die Welt) durch den Wechsel zwischen den Erzählstimmen und ihren jeweiligen Schauplätzen etwas erträglicher für ihre Leser.

Hans Christoph Buch hat mit „Kain und Abel in Afrika“ einen meisterhaften und in der deutschen Literatur höchst seltenen Weltbericht vorgelegt, einen politisch engagierten Roman, der ohne belehren oder tiefsinnig erklären zu wollen, einen Blick auf den Zustand der Welt erlaubt. Im Literaturhaus liest er am 19. September aus seinem Roman. Eine Einführung spricht der Schriftsteller Hermann Peter Piwitt.

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