Sekunden der Stille
Matthias Politycki erzählt vom "Schweigen am anderen Ende des Rüssels"

Matthias Politycki
(Foto: Barbara Niggl-Radloff)


24.9. 20.00 Uhr Kammerspiele,
Hartungstr. 9-11.
Eintritt: 25.-/15.- DM.


Wer kennt das nicht, diese Augenblicke, diese Sekunden der Stille, die sich ins Gedächtnis brennen, ob an einem Frühlingstag in Sofia, auf einer Safari in Afrika, unterwegs auf den Outer Banks, in Paris, Kopenhagen, Seoul, der Wüste Gobi oder auch nur bei einem Spaziergang an der Elbe, an einem frühen Herbsttag, an dem sich die ersten verwelkten Blätter aus den Bäumen am Elbhang für einen Kurzurlaub am Himmelsrand mit dem Wind in die Dämmerung schwingen. Und wenn auch die Tage zuvor und die Tage danach wieder mächtig träge dahingleiten, für einen entgeisterten Augenblick rollt etwas an der großen Uhr vorbei und bleibt uns im Gedächtnis. Von diesen Sekunden des zeitlosen Verstummens, sei es über die Schönheit, die Absurdität oder die Brutalität des Geschehens, erzählt Matthias Politycki in seinem neuen Buch. In siebzehn Geschichten stellt sich das große Erstaunen mal, wie bei der titelgebenden Erzählung, als „Schweigen am anderen Ende des Rüssels“ ein, mal beim „Sonnenbaden in Sibirien“ oder auch bei einer „Safari mit Paul“. Am 24. September stellt der Autor sein Buch und das gleichzeitig veröffentlichte Hörbuch in den Kammerspielen in Hamburg vor. Und wie immer bei Buchpremieren mit Matthias Politycki gibt es nach der Lesung eine große „After-Show-Party“ mit Musik, Tanz und allem, was sonst noch zu einer richtigen Feier gehört.

Mit seinen Erzählungen, so heißt in einem kurzen Nachwort des Bandes, geht es ihm nicht um „Authentizität“, um eine wirklichkeitsgetreue Schilderung von Reiseländern und ihrer Kulturen, obschon Matthias Politycki ein fast schon manisch Reisender ist. Als Autor ohnehin ständig auf Lesereisen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Amerika oder gar in Korea, zieht es ihn, wenn er nicht beruflich unterwegs ist oder am Schreibtisch sitzt, in meist ferne Länder: nach China, Afrika, Amerika. Die Stationen seiner zahlreichen Reisen dienen Politycki als Kulisse für die kleineren und größeren Erlebnisse, die uns Mitteleuropäern unterwegs so blühen. Der Paul „aus Garbsen“ etwa, ein ungehobelter Reisegeselle, geht auf Safari, weil er einmal, nur ein einziges Mal einen Löwen in freier Wildbahn bestaunen will. Doch was passiert? Der Paul ärgert sich pausenlos über „die unbestreitbare Tatsache, dass kein Löwe sich zeigen“ will, obwohl er ihn „doch fest mitgebucht hatte“, bis er krank wird, der Paul. Fiebernd liegt er bald in einem Hospital in Bujumbura, das „schon sehr nach dem dunklen Herzen Afrikas“ klingt, bis zu jener Sekunde, in der es „plötzlich sehr still“ wird und man den Paul auf eine Bahre packt, um ihn zurück nach Deutschland zu bringen. Doch es sind nicht nur ferne Länder, in denen Polityckis Reisegeschichten angesiedelt sind. Als Mittelachse des kunstvoll durchkomponierten Bandes fungiert die Erzählung „Tag eines Schriftstellers“. Protokollierend wird die ergreifende Geschichte einer existentiellen Lebenserfahrung erzählt: um 9 Uhr 38 fährt ein Autor auf eine kurze Lesereise, um 11 Uhr 23 beginnt er seine Lesung, um 4 Uhr 00 am Morgen blickt er auf „sechs grüne Amplituden“ und „sieht nurmehr sechs Geraden“. Die Stunden, in denen der Vater des Autors sterbend in einem Krankenhaus in München liegt, nur noch am Leben gehalten von einem Beatmungsgerät, haben sich ins Gedächtnis gebrannt. Und wieder ist es „für eine kleine, sehr kleine Sekunde entsetzlich still“. Ganz undramatisch dagegen ist die Geschichte „Buddhas goldner Schließmuskel“, den zu zeigen ein Mönch in Sri Lanka einer Gruppe Reisender auf der Suche nach exotischen Erlebnissen verspricht. „Am Arsch der Welt“ werden diese Reisenden fündig, und sie „schauten und schauten“ und „dann war’s mit einem Mal so still [...], so still, dass man hätte aufschreien wollen vor lauter Erleuchtung“. Eingefasst durch die zwei Gedichte „Schrecklich schöner Tag“ und „Botswana-Blues“, führen diese Erzählungen ins Zentrum einer Sehnsucht, die (fast) alle Reisenden umtreibt: die Suche nach dem Unvergesslichen, dem einmaligen Erstaunen vor der Welt. Das findet Matthias Politycki im unverkennbaren Sound seiner hoch poetischen Sprache in fernen Ländern und in heimischen Regionen: tiefsinnig und dabei doch unterhaltend, so wie wir uns gute Literatur wünschen.

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