| Sekunden der Stille
Matthias Politycki erzählt vom "Schweigen am anderen Ende des Rüssels" |
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![]() Matthias Politycki (Foto: Barbara Niggl-Radloff) 24.9. 20.00 Uhr Kammerspiele, Hartungstr. 9-11. Eintritt: 25.-/15.- DM. |
Mit seinen Erzählungen, so heißt in einem kurzen Nachwort des Bandes, geht es ihm nicht um „Authentizität“, um eine wirklichkeitsgetreue Schilderung von
Reiseländern und ihrer Kulturen, obschon Matthias Politycki ein fast schon manisch Reisender ist. Als Autor ohnehin ständig auf Lesereisen, nicht nur in
Deutschland, sondern auch in Frankreich, Amerika oder gar in Korea, zieht es ihn, wenn er nicht beruflich unterwegs ist oder am Schreibtisch sitzt, in meist ferne Länder: nach China, Afrika, Amerika. Die Stationen seiner zahlreichen Reisen dienen Politycki als Kulisse für die kleineren und größeren Erlebnisse,
die uns Mitteleuropäern unterwegs so blühen. Der Paul „aus Garbsen“ etwa, ein ungehobelter
Reisegeselle, geht auf Safari, weil er einmal, nur ein einziges Mal einen Löwen
in freier Wildbahn bestaunen will. Doch was passiert? Der Paul ärgert sich
pausenlos über „die unbestreitbare Tatsache, dass kein Löwe sich zeigen“ will,
obwohl er ihn „doch fest mitgebucht hatte“, bis er krank wird, der Paul.
Fiebernd liegt er bald in einem Hospital in Bujumbura, das „schon sehr nach dem
dunklen Herzen Afrikas“ klingt, bis zu jener Sekunde, in der es „plötzlich sehr
still“ wird und man den Paul auf eine Bahre packt, um ihn zurück nach
Deutschland zu bringen. Doch es sind nicht nur ferne Länder, in denen
Polityckis Reisegeschichten angesiedelt sind. Als Mittelachse des kunstvoll
durchkomponierten Bandes fungiert die Erzählung „Tag eines Schriftstellers“.
Protokollierend wird die ergreifende Geschichte einer existentiellen
Lebenserfahrung erzählt: um 9 Uhr 38 fährt ein Autor auf eine kurze Lesereise,
um 11 Uhr 23 beginnt er seine Lesung, um 4 Uhr 00 am Morgen blickt er auf
„sechs grüne Amplituden“ und „sieht nurmehr sechs Geraden“. Die Stunden, in
denen der Vater des Autors sterbend in einem Krankenhaus in München liegt, nur
noch am Leben gehalten von einem Beatmungsgerät, haben sich ins Gedächtnis
gebrannt. Und wieder ist es „für eine kleine, sehr kleine Sekunde entsetzlich
still“. Ganz undramatisch dagegen ist die Geschichte „Buddhas goldner
Schließmuskel“, den zu zeigen ein Mönch in Sri Lanka einer Gruppe Reisender auf
der Suche nach exotischen Erlebnissen verspricht. „Am Arsch der Welt“ werden
diese Reisenden fündig, und sie „schauten und schauten“ und „dann war’s mit
einem Mal so still [...], so still, dass man hätte aufschreien wollen vor
lauter Erleuchtung“. Eingefasst durch die zwei Gedichte „Schrecklich schöner
Tag“ und „Botswana-Blues“, führen diese Erzählungen ins Zentrum einer
Sehnsucht, die (fast) alle Reisenden umtreibt: die Suche nach dem
Unvergesslichen, dem einmaligen Erstaunen vor der Welt. Das findet Matthias
Politycki im unverkennbaren Sound seiner hoch poetischen Sprache in fernen Ländern
und in heimischen Regionen: tiefsinnig und dabei doch unterhaltend, so wie wir
uns gute Literatur wünschen.
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