| Titel, Themen und Talente Ein kleiner Streifzug durch den literarischen Herbst |
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![]() Juli Zeh. Foto: Wojtek Sadzik Peter Esterházy 2.10. 20.00 Uhr Literaturhaus, Schwanenwik 38. Eintritt: 12.-/8.- DM. Juli Zeh 15.10. Literaturhaus. Eintritt: 12.-/8.- DM. F.C. Delius 5.10. Literaturhaus. Christian Kracht 16.10., 20.00 Uhr, Mojo-Club, Reeperbahn 1. Stewart O´Nan 17.10. 20.00 Uhr, Grundbuchhalle, Sievekingsplatz 1. Dirk Kurbjuweit 17.10. Literaturhaus. Eintritt: 12.-/8.- DM. |
Auf der Website www.esterhazy.ch findet man kaum Informationen über die Familie Esterházy de Galántha, eine weitverzweigte Adelsfamilie, die im Laufe ihrer viele Jahrhunderte umfassenden Geschichte Feldherren und Kleriker, Mäzene, Palatine, Diplomaten und Schriftsteller hervorgebracht hat. Immerhin aber erfährt man, dass die „Fürsten- und Grafenfamilie nicht in den Truhen der Geschichte verstaubt“. Besonders zu danken haben die Esterházys das dem Hochgeborenen Herrn Péter Graf Esterházy, Freiherr von Galantha, Erbgraf zu Forchtenstein, Herr auf Csákvár und Gesztes, geb. 1950 in Budapest, wo er heute lebt, und ein großer Schriftsteller seines Landes ist. Als epochalen Roman von einem großen Erneuerer der ungarischen Literatur kündigt der Berlin Verlag seine „Harmonia Caelestis“ an, die auf über 900 Seiten die Geschichte der Esterházys erzählt. Doch was heißt da schon erzählt: Péter Esterházy hat alles andere als einen bürgerlichen Familienroman geschrieben. Seine Chronik eröffnet er mit einem Füllhorn an Legenden, Registern, Mythen und Episoden, einem Mosaik aus Texten, die der Autor als „Buch I“ unter dem Titel „Numerierte Sätze aus dem Leben der Familie Esterházy“ zusammengefasst hat. Die Hauptfigur dieser „Numerierten Sätze“ ist der Vater des Erzählers, ein Don Juan und Nichtsnutz, Magnat und Gelehrter, Bischof und Baumeister, Verrückter und Tyrann, Gesandter und Ministerpräsident. Er ist Stellvertreter für alle Familienmitglieder, ein Kristalisationspunkt, so grenzenlos und unerschöpflich wie die Macht der Familie in der Geschichte. In den sich im Buch II anschließenden „Bekenntnissen einer Familie Esterházy“ erfahren wir dann vom Leben einer aristokratischen Familie im 20. Jahrhundert unter den Bedingungen der Diktatur, seit der Räterepublik 1919 bis in die jüngere Vergangenheit. Eine Geschichte von Enteignung, Aussiedlung und Verarmung, die Geschichte einer Familie vor dem „Nichts“. Péter Esterházy ist in diesem Jahr für seine „Harmonia Caelestis“ mit dem „Ungarischen Literaturpreis“ und dem „Sándor-Márai-Preis“ ausgezeichnet worden. Im Literaturhaus liest er am 2. Oktober um 20.00 Uhr aus seinem Roman, Sigrid Löffler moderiert. Also mal ehrlich, diese Geschichte eines Schriftstellers, erfolglos und von Größenwahn beseelt, wie viele seiner Profession, der endlich einen Bestseller landen will und auf der Suche nach einem passablen Stoff eine etwas hochtrabende Familiengeschichte ausgräbt, verführt auf den ersten Blick nicht unbedingt zur Lektüre. Und die ersten Seiten des Berichts dieses Schriftstellers mit dem sehr alltäglichen Namen Albert Rusch, die davon berichten, dass er „mit einem schlichten Handlungsgerüst, kurzen Dialogen und Skizzen“ beginnen wollte, und der Roman dann „in dieser Rohform“ erscheinen sollte - ach, wen interessiert das schon. Doch es ist immerhin Friedrich Christian Delius, der dabei geholfen haben will, Albert Ruschs Bericht zu veröffentlichen, ein Autor, der für seine zahlreichen Romane und Erzählungen immer wieder eine vorgefundene Geschichte aufgegriffen oder ein historisch-politisches Ereignis zum Anlass genommen hat, also auf dokumentarisches Material zurückgreift, um uns dann eine Geschichtsstunde in einer fiktiven Handlung zu bescheren. In seinem neuen Roman „Der Königsmacher“ erzählt Delius mit seinem Berichterstatter Albert Rusch von einer Liaison aus dem 19. Jahrhundert, deren Folgen sich schließlich erst in der Gegenwart zu einem die Republik bewegenden Ereignis entwickeln: der Prinz von Oranien, später als Wilhelm der I. König der Niederlande, liebte einst angeblich eine Berliner Tänzerin und schenkte ihr ein Kind. Die heimliche Königstochter wächst in einer mecklenburgischen Adelsfamilie auf, wird zur Hochzeit mit dem falschen Mann gezwungen, erhält ein Vermögen und stirbt schon mit 24 Jahren, ohne je erfahren zu haben, wer ihre Eltern sind. Doch einer ihrer Nachfahren, der erfolglose Schriftsteller Albert Rusch, vermutet in der heimlichen Liebe des Prinzen zu einer Tänzerin endlich den Stoff für einen auflagenstarken Roman. Er beginnt mit ausgiebigen Recherchen und ersten Notaten, doch umso mehr er sich abmüht, ein stimmiges Konzept für seinen Roman zu finden, umso mehr verliert er sich auch in seiner Rolle als Nachfahre der Oranier und der Preußenkönige. Und überraschenderweise ist er gerade damit erfolgreich. Als Leitfigur des neu entdeckten Preußenmythos wird er zum Medienstar und Erfinder des „Preußen-Jahres“, dem schließlich die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Friedrich Christian Delius liest am 5. Oktober um 20.00 Uhr im Literaturhaus aus seinem Roman. Eine Einführung spricht Hermann Peter Piwitt. Das marode Portugal, der Tod, der Zerfall der Familien und das Scheitern von Beziehungen, das sind die Themen, von denen António Lobo Antunes in seinen Romanen erzählt. Er gilt als einer der bedeutendsten Romanciers der Gegenwart, als „genialer Erzähler, poetisch und bildmächtig“ (Verena Auffermann). Der Luchterhand Verlag publizierte sein Werk in den letzten Jahren sukzessive in deutschen Übersetzungen. Im letzten Herbst erschien der Roman „Die Rückkehr der Karavellen“, der in Portugal schon 1988 erschienen war, im Frühjahr 2000 der Roman „Der Tod des Carlos Gardel“, im Original 1994 erschienen, und in diesem Herbst steht nun ein wirklich neuer Antunes im Luchterhand-Programm, der Roman „Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht“. Maria Clara, die Hauptfigur des Romans, die sich in ihrer Familie nicht zu Hause fühlt, flieht in eine eigene Welt, in der ein vielstimmiger Chor anhebt: es sind die Stimmen von Familienmitgliedern, die da in ihrem Kopf fortwährend vor sich hin sprechen. Allein aus Maria Claras Innenleben heraus, ihren Erinnerungen, Wünschen, Obsessionen und Träumen, einem facettenreichen Tableau, wird die Geschichte der Familie erzählt, variiert und verdichtet zu einem Bewusstseinslabyrinth, das mit Worten etwas darzustellen sucht, das vor den Worten da war. Mit „Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht“ - der Titel ist eine Variation von Dylan Thomas‘ Gedicht „Do not go gentle into that good night“ – hat Antonio Lobo Antunes seinen bisher vermutlich sprachlich kunstvollsten Roman vorgelegt. Am 18. Oktober um 20.00 Uhr liest er im Literaturhaus, Barbara Nüsse liest den deutschen Text, Maralde Meyer-Minnemann übersetzt und Ursula Keller moderiert. Das lange Warten hat ein Ende, heißt es auf der „inoffiziellen Faserland-Seite“ im Internet, die von einer anonymen Fan-Gruppe des Schriftstellers Christian Kracht betrieben wird. Mit der Publikation seines Romans „Faserland“ ist Christian Kracht vor einigen Jahren zum Literaturstar der jüngeren Literaturszene geworden. Als wohlhabenden Dandy „on the road“ hat er sich selbst immer wieder gerne stilisiert, und scheinbar ganz nebenbei dennoch zwei Anthologien und zwei Erzählbände publiziert. Doch auf einen neuen Roman mussten seine zahlreichen Leser tatsächlich lange warten, und bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe von „Literatur in Hamburg“ hatte das Warten auch noch kein Ende - das Buch war noch nicht erschienen. Immerhin aber verspricht die Verlagsankündigung euphorisch ein „großartiges Stück deutschsprachiger Literatur“, eine „postmoderne Groteske, die seltsam verstörende Bilder hinterlässt“. Spielort ist Teheran am Vorabend der islamischen Revolution. Der Erzähler, ein junger deutscher Innenarchitekt, und sein gebildeter, aber zynischer Freund Christopher sind zu einem Popkonzert nach Teheran gereist. Für die Panzer an den Straßenkreuzungen interessieren sie sich nicht, viel wichtiger sind ihnen Herrensandalen und Bezüge von Sofakissen. Christian Kracht und sein Roman „1979“ ist sicher einer der Schwerpunkttitel aus der jüngeren deutschen Literatur in diesem Herbst. Er liest am 16. Oktober, zusammen mit Rebecca Casati, die ihren Roman „Hey, Hey, Hey“ vorstellt, im Mojo Club. Eine amerikanische Kleinstadt kurz nach dem Bürgerkrieg bildet den Schauplatz des neuen Romans „Das Glück der anderen“ von Stewart O‘Nan, den seine deutschen Leser schon durch die Romane „Engel im Schnee“, „Speed Queen“ und „Sommer der Züge“ kennen. Bezeichnend für den literarischen Kosmos von Stewart O´Nans Romanen ist das Umkippen einer scheinbar friedlichen Welt in Brutalität, das Aussetzen der Zivilisation, ein Endpunkt, der einen Neubeginn markiert. Drückende Sommerhitze und ein sich nähernder Waldbrand, der Rauchwolken in den Horizont zeichnet, sind erste Vorboten der unheilvollen Entwicklung, die den Bewohnern jener Kleinstadt in O´Nans neuem Roman bevorsteht. Jacob Hansen, Sheriff, Leichenbestatter und Pastor in einer Person, stellt nach einigen merkwürdigen Todesfällen fest, dass eine Seuche in der Stadt wütet: die Diphterie. Doch seine Quarantänemaßnahmen werden ignoriert, so dass die Zahl der Toten bald dramatisch wächst, und Panik in der Bevölkerung ausbricht. Die friedliche Dorfidylle verwandelt sich schließlich in ein gespenstisches Weltuntergangsszenario, das Jacob Hansen zu einer Entscheidung zwischen der Verantwortung für die Gemeinschaft und der Rettung seines privaten Glücks zwingt. Am 17. Oktober um 20.00 Uhr liest Stewart O´Nan in der Grundbuchhalle des Ziviljustizgebäudes, Sievekingsplatz 1, aus seinem Roman, den deutschen Text liest Joachim Kersten. „In der Nacht, als das Mädchen vom Himmel fiel, wurde Ludwig mein Freund“, so beginnt die Novelle „Zweier ohne“ des Spiegel-Redakteurs und Schriftstellers Dirk Kurbjuweit. Dieser Ludwig wohnt in einem abgelegenen Haus, in einem Tal unter einer Autobahnbrücke, von der sich immer wieder Selbstmörder in den Garten des Hauses stürzen, weshalb sich der Elfjährige mit Toten gut auskennt. Als Johann, der Erzähler der Novelle, das erste Mal bei Ludwig übernachtet und sich das Mädchen in den Tod stürzt, drückt ihr Ludwig routiniert die Augen zu. „Vielleicht wurde mir in jener Nacht klar“, erinnert sich Johann, „dass ein Freund mehr ist als jemand, der anruft. Man braucht einen Freund gegen die Angst. Ludwig konnte mir gegen die schlimmsten meiner Ängste helfen.“ Über sieben Jahre wächst die Freundschaft der beiden. „Bis wir Zwillinge sind“, sagt Ludwig, denn nur so haben sie beim Ruder-Wettkampf „Zweier ohne“ gegen die echten Zwillinge aus Potsdam eine Chance. Doch mit dem allmählichen Erwachsenwerden gerät die Zwillingsbrüderschaft der beiden Protagonisten in eine schwere Krise. Johann schläft heimlich mit Ludwigs Schwester, und der entfernt sich mehr und mehr von seinem Freund – mit für beide katastrophalen Konsequenzen. Präzise und in einer verstörend lakonischen Sprache variiert Dirk Kurbjuweit in seiner Novelle das Thema schon seiner Romane „Die Einsamkeit der Krokodile“ und „Schussangst“: wie kann es gelingen, erwachsen zu werden, oder auch erwachsen zu sein, ohne seine Träume für die vermeintliche „Normalität“ eines normierten und funktionalisierten Lebens aufzugeben.Dirk Kurbjuweit liest am 17. Oktober im Literaturhaus aus „Zweier ohne“, eine Einführung spricht Alexander Häusser. Als großartiges und rasantes Debüt feiert die Literaturkritik in diesen Wochen den Roman „Adler und Engel“ der gerade mal 26 Jahre jungen Autorin Juli Zeh. „Ohne Makel, noch dazu atemlos spannend bis zur letzten Seite“, „in der jungen deutschen Literatur ganz und gar ungewöhnlich“, schwärmt ein Kritiker in der „Financial Times“, im Spiegel resümiert Rainer Traub, „das Buch“ habe, „trotz seiner realistischen Elemente, die halluzinatorische Bannkraft eines Alptraums“, Uwe Wittstock lässt seine Kritik für „Die Welt“ mit einem „Superlativ“ beginnen und freut sich über den „coolsten Roman der Saison“. Die Liste der Zitate ließe sich (fast) beliebig fortsetzen, doch nun zur Geschichte, die dieser Roman erzählt: Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Jurist Max eifrig hochgearbeitet, er bezieht ein dickes Gehalt und arbeitet an einem ebenso reizvollen wie heiklen Projekt, an einem Vertragswerk, mit dem das friedliche Miteinander im ehemaligen Jugoslawien geregelt werden soll. Eigentlich könnte alles ganz wunderbar sein, wäre seine ehemalige Schulfreundin Jessie nicht aufgetaucht, die, zusammen mit ihrem Vater, in großem Stil mit Kokain gehandelt hat, über viel Geld und viel „Koks“ verfügt und nun an Verfolgungswahn zu leiden scheint. Überall glaubt sie dunkle Gestalten am Werk, Hintermänner aus dem Drogenhandel, die sie umbringen wollen. Für Max sind Jessies Obsessionen zunächst das Resultat übermäßigen Koks-Konsums, doch als sie sich dann erschießt und das auch noch während eines Telefongesprächs mit ihm, gerät das Leben des renommierten Völkerrechtlers völlig aus der Bahn. Er gibt Job und Karriere auf und quält sich mit Selbstvorwürfen. Allein in der Rekonstruktion von Jessies Lebensweg findet er noch Halt in seinem von immer längeren „Lines“ mal euphorisierten, dann wieder deprimierten Alltag. An seine Seite gesellt sich, wenn auch keineswegs selbstlos, Clara, eine Rundfunkjournalistin, die für ihre Diplomarbeit über den Kokshandel recherchiert. Ihr erzählt Max in Rückblenden das private Drama seiner großen Liebe zu Jessie, die sich schließlich als Teil einer großen politischen Tragödie erweist. Für die Lektüre von „Adler und Engel“ ist Spannung garantiert – und wer es nicht glauben will, kann ja erst mal reinhören: Am 15. Oktober um 20.00 Uhr liest Juli Zeh im Literaturhaus aus ihrem Roman, eine Einführung spricht Katharina Höcker. zurück
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