Ein Roman als Kampagne

Frédéric Beigbeders Parodie der Werbebranche



7.6. 20.00 Uhr Literaturhaus,
Schwanenwik 38.
Eintritt: 12.-/6.- DM.


"Du redest über die Nächte. Du musst über die Tage schreiben und deine Arbeit, die Werbung." Anfangs hat der Autor und Werber Frédéric Beigbeder diesen Rat seines Freundes Michel Houellebecq gegen seine Überzeugung befolgt und einen Roman geschrieben, der in einer zynischen Fundamentalkritik mit der "Weltmacht Werbung" abrechnet. Für sich betrachtet ist das nicht sehr originell, doch das weiß der Autor selbst am besten: "Ich habe das Glück, dass Provokation gerade gut ankommt und vermarkte das entsprechend. So gesehen bin ich auch nur ein Produkt wie Yoghurt, ich bin sozusagen ein zweifelndes Yoghurt." Bis zum Erscheinen seines Romans war dieses "zweifelnde Yoghurt" hochbezahlter Werbetexter der Agentur Young & Rubicam in Paris. Inzwischen zieht Beigbeder durch Talk-Shows, Buchhandlungen und Literaturhäuser, um mit ehemaligen Kollegen darüber zu diskutieren, "dass die Menschheit beschlossen hat, Gott durch Massenkonsumgüter zu ersetzen". Sein Insider-Portrait der Werbeindustrie ist ein weltweit verkaufter Bestseller. Am 7. Juni liest Frédéric Beigbeder im Literaturhaus der Konsumenten- und Werberstadt Hamburg aus seinem im Mai in deutscher Übersetzung erschienenen Roman, der "39,90" heißt, weil er 39,90 DM kostet und eigentlich viel mehr ist als "nur" ein Roman. Dafür hat weniger die Brisanz des Inhalts gesorgt, als eine klug kalkulierte Vermarktungsstrategie, die von Beginn an zum Konzept dieses Romans gehörte.

Weil ihm sein Gewerbe unerträglich geworden ist und er es satt hat, "Scheiße" anzupreisen, beschließt der Romanheld und "Weltbeschmutzer" Octave mit 33 Jahren "abzutreten". Für seinen Abgang will er aber ein hübsches Sümmchen Abfindung kassieren, und das bekommt er nur, wenn man ihn rausschmeißt. Also beginnt er einen Bericht zu schreiben, der die Geschmacklosigkeit und den Zynismus der Werbebranche en détail protokolliert und ganz nebenbei auch den Kokstrip eines "Masters of the Universe", dem Realität und Fiktion durcheinander geraten. Eigentlich soll dieses intime Tagebuch des Insiders für seine Kündigung sorgen, doch am Ende muss sich Octave an einem Mord beteiligen und in die Vorstandsetage aufsteigen, bis er schließlich - abfindungslos - in einer Gefängniszelle landet. Der eigentlich Clou dieses Romans folgt jedoch erst im wirklichen Leben. Mit der fadenscheinigen Begründung, er habe nicht genehmigten Urlaub gemacht, wird der Nestbeschmutzer und Werbetexter Frédéric Beigbeder, kurz vor Erscheinen seines Romans, tatsächlich fristlos gefeuert - und klagt nun gegen seine Ex-Agentur, weil sie keine Abfindung zahlen will. Der profane Grund für die Entlassung war ein Werbespot für einen Yoghurt-Hersteller, aus dessen Entstehungsgeschichte der Autor den Zündstoff für seinen Roman entwickelt hat. Die Agentur war gezwungen zu handeln, bevor der Werbekunde absprang, und Frankreich hatte nach Michel Houellebecq einen neuen Skandalautor. Frédéric Beigbeders Rechnung ist damit aufgegangen: "Ich bin erleichtert, dass ich nicht auch noch befördert wurde", kommentierte er die Kündigung, im Wissen darum, dass Provokation in der Branche gut ankommt. Sein ehemaliger Chef fand das Buch zwar "Mitleid erregend und voller Klischees", aus anderen Agenturen wurde dem Autor jedoch bescheinigt, dass er gut beobachtet habe. Tatsächlich ist die Geschichte des Romans gar nicht so wichtig: Beigbeder erzählt, meist im knappen und phrasenhaften Stil der Werbesprache, von den abgefahrenen Sex- und Drogenexzessen seines globalisierten Jet-Set-Helden und seiner Kollegen, überzeichnet dargestellten Durchschnitts-Yuppies. Sie ordnen ihre Welt nach Marken, und sie glauben an die Inszenierungen ihres Lebens. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht mehr Tiefgang haben als ein Surfbrett. Und genauso gefühllos, aber eben windschnittig durch's Leben treiben. Man kennt diese Helden von Douglas Coupland, Bret Easton Ellis und anderen Autoren. Mit seiner zivilisationskritischen Parodie der Konsumgesellschaft ordnet sich Frédéric Beigbeder einer Gruppe von Autoren zu, deren Werke die emotionalen und sozialen Verwüstungen des Neoliberalismus thematisieren und das Ende einer sex- und konsumsüchtigen Fungesellschaft fordern. Als Rezept dagegen ist ihm mit seinem Roman, wenn man die Kampagne einmal abzieht, nichts Neues eingefallen: mit Thesen, die Studenten schon vor über 30 Jahren gegen den "Konsumterror", so nannte man das damals, ins Feld führten, gewinnt man keine Welt, in der alles und jeder käuflich ist. Immerhin aber hat Beigbeder eine großartige Kampagne geführt, die für die Werbewirtschaft möglicherweise tatsächlich Konsequenzen haben wird, und wenn auch nur jene, dass sich mancher Kreative in den großen Agenturen für schlappe "Neununddreißigneunzig" einmal wieder Gedanken über seine Arbeit macht. Mehr hat er wohl auch nie erwartet. Seinem Roman jedenfalls hat er ein ganz realistisches Motto von Rainer Werner Fassbinder vorangestellt. Da heißt es: "Was man nicht verändern kann, sollte man wenigstens beschreiben." Im Literaturhaus liest der Autor und Ex-Werbetexter aus "Neununddreißigneunzig" und führt ein Gespräch mit Marc Schwieger, dem Creative Director der Agentur Scholz & Friends in Hamburg.