Dienstag 21.03.2017


Lesung mit Hanya Yanagihara

Die alltägliche Tiefgründigkeit des Verschwindens

Hanya Yanagihara
Hanya Yanagihara, Foto: Sam Levy
Die Spielzeit umfasst etwa 30 Jahre in naher Gegenwart, der Spielort gibt sich als New York zu erkennen, doch sonst bleibt dieser Roman eine verschwommene Mimesis unserer Zeit. Hanya Yanagihara hat in „Ein wenig Leben“ mit großer Kunstfertigkeit jedes Zeitkolorit verwischt, umso tiefer brennt sich ein, wovon die US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin erzählt. Der international als Sensation gefeierte Roman würde seine Leser*innen „verrückt machen, sie verschlingen, ihr Leben übernehmen“, heißt es im „New Yorker“. Und tatsächlich entwickelt das fast 1000 Seiten umfassende Buch einen unglaublichen Sog. Es erzählt von einem Martyrium, aus dem es keine Erlösung gibt. Nicht für Jude, die Hauptfigur des Romans, und auch nicht für die Leser*innen. Hanya Yanagihara liest im Literaturhaus aus ihrem Roman. Die deutschen Texte liest Katja Danowski. Moderation: Thomas Böhm.

Das Covermotiv zeigt eines dieser Fotos des Fotografen Peter Hujar, die man einmal sieht und dann nie wieder vergisst, es heißt „Orgasmic Man“ (1969) und man fragt sich, ob dieses Gesicht schmerzverzerrt, tief verzweifelt oder doch eher ekstatisch und lusterfüllt ist. In jedem Fall macht es uns zu Zeugen eines fast unerträglich intimen Moments, es stellt aus, was wir eigentlich nicht sehen sollten, und übersetzt damit das erzählerische Prinzip der Überzeichnung von „Ein wenig Leben“ für das Cover. Hanya Yanagihara wollte nicht nur, dass etwas zu viel Gewalt in ihrem Buch vorkommt, wie sie in einem Interview mit dem „Guardian“ sagte, sie wollte eine Übertreibung von allem, eine Übertreibung der Liebe, der Empathie, des Mitleids und Schreckens, sie wollte, dass alles etwas zu laut aufgedreht ist. In der Vorstellungsrunde von vier Freunden, mit der ihr Roman beginnt, ist von dieser melodramatischen Tonlage noch wenig zu hören – und so muss es auch sein.
Die vier Freunde Malcolm, JB, Jude und Willem haben sich auf dem College kennengelernt, wo sie als „boys in the hood“ eine eingeschworene Gemeinschaft bilden. Jetzt versuchen sie, in New York ihren Weg zu gehen: Malcolm Irvine ist ein talentierter Architekt, der nach dem College wieder bei seinen reichen Eltern lebt und sich dort jahrelang Zeit dafür nimmt, „die zentralen Probleme seines Lebens zu überdenken“. Er findet einen Job in einem angesehenen Architektenbüro, leidet unter seinem erfolgreichen Vater und vor allem auch unter seiner sexuellen Orientierungslosigkeit. JB Marion, der geliebte Sohn von Einwanderern aus Haiti, will Künstler werden, jobbt in einer Redaktion, arbeitet an seinen ersten Kunstprojekten und wird zum erfolgreichen künstlerischen Chronisten seiner Freunde. Willem Ragnarsso, aufgewachsen mit einem behinderten Bruder in einfachen Verhältnissen auf einer Farm in Wyoming, arbeitet als Kellner und hofft auf Engagements als Schauspieler am Theater. Zu dieser Gruppe typischer Helden unserer Zeit gesellt sich der hochbegabte Jude St. Francis. Er hat eine Behinderung und Probleme beim Gehen, ist aber ein brillanter Kopf, spricht Deutsch und Französisch, kennt das Periodensystem auswendig und kann große Teile der Bibel „lückenlos aus dem Gedächtnis aufsagen“. Jude „der Postmann“, nennt ihn JB, weil seine Freunde nichts über ihn wissen: „Er hat nie ein Date, wir kennen seinen ethnischen Hintergrund nicht, wir wissen eigentlich gar nichts über ihn. Post-sexuell, poet-ethnisch, Post-Identität, Post-Vergangenheit.“ Jude rückt nach und nach ins Zentrum seines Freundeskreises und ihrer gemeinsamen Geschichte. Er zieht zusammen mit Willem in eine Wohnung in der Lispenard Street und nur Willem ahnt das ganze Ausmaß des Schweigens und des Martyriums, das Jude erfahren hat.
Was ist der Grund für die plötzlichen Schmerzattacken, von denen Jude heimgesucht wird? Warum humpelt er? Warum fügt er sich mehrmals in der Woche tiefe Wunden zu? Das sind die Fragen, die man sich als Leser bald schon zusammen mit Willem stellt – Fragen, die Schnitt für Schnitt, wenn auch nie wirklich beantwortet werden, obwohl genau das umso wichtiger wird, umso mehr sich in bunten Farben das auf allen Feldern fast schon kitschige Lebensbild von Jude und seinen Freunden erfüllt. Im Hintergrund wütet ohne nachzulassen die alltägliche Tiefgründigkeit des Verschwindens in einem Schmerz, für den Jude keine Worte findet, er höhlt den armen Büßer mehr und mehr aus. Obwohl er Liebe erfährt, Freunde hat, die zu ihm halten, obwohl sein Leben so etwas wie der Inbegriff des amerikanischen Traums ist, wird er zu einem Mündel aus Haut und Knochen. Immerhin erfüllt sich das große Versprechen von der Heilkraft des Erzählens, wie sie die Psychoanalyse seit Freud beschwört, schließlich doch noch. Jude lässt die Vergangenheit hinter sich und beginnt von sich aus: „Es ist eine gute Geschichte“, sagt er. „Ich erzähle sie dir.“ Damit ist am Ende alles gesagt, und es bleibt nichts mehr zu erzählen. Es ist das Happy End eines Romans, den man kaum als Lese-
erlebnis bezeichnen möchte; die Lektüre ist eher ein Lesetrip, der sich tief bis in das satt raunende Unterbewusstsein einfräst, angetrieben von der Macht der Suggestion und ihren Gespenstern.

Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, 12.-/8.- Euro.


Lesung

„Was alles war“

Buchpremiere mit Annette Mingels.

Buchhandlung Kortes, Elbchaussee 577, 19.30 Uhr.