Dienstag 21.11.2017


YACHTclub mit Christian Schüle

So viel Heimat war nie




Es gibt sie als Wort in Verbindung mit der Scholle und dem Land, dem Dorf und der Stadt, dem Recht und dem Boden, dem Stolz und dem Schutz, der Liebe, dem Film, dem Roman. Und in Bayern, wo man ein besonders inniges Verhältnis zur Heimat pflegt, gibt es sogar einen Heimatminister, der für „Landesentwicklung und Breitbandausbau“ zuständig ist. In keiner anderen Sprache ist Heimat mit so viel Sinn aufgeladen wie im Deutschen, und es boomt weiter ungebrochen, was immer sich rund um Heimat und Herkunft schart. Auch in der deutschen Gegenwartsliteratur werden zentrale gesellschaftliche Probleme seit Jahren bevorzugt in Provinz- und Dorfromanen durchbuchstabiert. Der Autor und Publizist Christian Schüle entwirft in seinem „Heimat“-Buch nun eine schöne Utopie für das Zusammenleben in Großstädten.

„Wir lieben dieses Land. Das ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht. Für diese Heimat werden wir kämpfen.“ Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt hat sich mit ihrem patriotischen Bekenntnis zur Heimat kurz nach den Bundestagswahlen viel Widerspruch aus der eigenen Partei eingehandelt, befindet sich aber in bester Gesellschaft. Ob Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier oder einfache Abgeordnete aller Fraktionen, übereifrig wird in der Politik die „Sehnsucht nach Heimat“ beschworen, die Christian Schüle im Untertitel seines Buches als „Phantomschmerz“ bezeichnet. Ausgangspunkt seiner vielschichtigen Diagnose in „Betrachtungen, Gedankensplittern und Fragmenten“ ist die These, dass uns etwas verloren geht, dass Heimat sich „als seelische und physische Behausung“ im grenzenlosen globalen Marktplatz und dem „gigantischen Möglichkeits-Raum an koexistenten Lebensentwürfen und Kultur-Modellen“ auflöst. Gleichzeitig erwächst aus dem Furor des Verschwindens eine immer größer werdende Sehnsucht nach Verortung, nach Geborgenheit und Vertrautheit. Trachten-, Schützen- und Heimatvereine, Dialekte, Waldblütenhonig und Omas Pflaumenkuchen, all das formiert sich derzeit zu einer großen Anrufung von Heimatverbundenheit und Verwurzelung und ist doch nur eine Inszenierung, die vor allem von Großstädtern „gelikt“ wird.

Doch was ist Heimat eigentlich jenseits dieses Kanons aus Kitsch und verklärten Konventionen? „Eines der schönsten Wörter der deutschen Sprache“, meinen Thea Dorn und Richard Wagner. In ihrem Buch „Die deutsche Seele“ erklären sie: „Heimat ist Ort und Zeit in einem, sie ist angehaltene Vergänglichkeit“, denn sie „beruft sich auf die Kindheit“ und „kommt ohne die Herkunft nicht aus“. Auch Christian Schüle beschreibt Heimat als etwas, das wir uns in der Kindheit mit den ersten sozial kodierten Erfahrungen zuziehen und die uns, gebunden vielleicht an einen Geruch, einen Klang, an eine Berührung, ein Leben lang begleiten, ob wir wollen oder nicht, denn aussuchen kann man sich seine Herkunft schließlich nicht. Schüle blättert in einer Trias aus „Konstruktion“, „Politik“ und „Zukunft der Heimat“ in seinem Buch den ganzen Kanon der Heimatzuschreibungen auf und geht ausführlich auch auf die Wanderungsbewegungen der Gegenwart, auf die Bedeutung von Grenzen für die Konstruktion von Heimat und die Möglichkeit ein, mehrere Heimaten für sich zu definieren.

Abschließend und am „Finis terrae“ angekommen, wagt Christian Schüle dann noch einen großen Streich, indem er mikrosoziale Gemeinschaften aus verschiedensten Kulturen, wie sie in großen Metropolen schon heute zu Hause sind, als Keimzelle für einen neuen Begriff von Heimat empfiehlt. Es ist eine Utopie, auf die man vorerst mit Schüle antworten kann: „Die Wirklichkeit hat immer recht, jede andere Behauptung unterliegt strenger Beweispflicht.“

Christian Schüle stellt sein Buch „Heimat. Ein Phantomschmerz“ zum YACHTclub vor und zur Diskussion. Moderation: Friederike Moldenhauer & Tina Uebel.

Nochtspeicher, Bernhard-Nocht-Str. 65a, 20.00 Uhr, 9.- Euro.