Veranstaltungen

Mittwoch, 10.05.2017


Lesung mit Claudio Magris

Aus Tausend und einer Nacht des Bösen




Tagebuch, Essay und Kommentar, philosophische Analyse, geisteswissenschaftlicher Verweis und eine große erzählerische Fantasie, all das fließt in der Prosa von Claudio Magris zusammen. In seiner Heimat steht der weltbekannte und vielfach ausgezeichnete Triestiner Germanist und Schriftsteller im Ruf der „kosmopolitischste Provinzler Italiens“ zu sein, weil er stets die Relativität von Nähe und Entfernung betont. Ausgehend von einem Mikrokosmos der Gewalt, einer irrsinnigen „Ausrüstung des Todes“, vermisst er in seinem neuen Roman „Verfahren eingestellt“, der in einer großartigen Übersetzung von Ragni Maria Gschwend in diesem Frühjahr im Carl Hanser Verlag erschienen ist, nicht nur den Krieg und seine Grausamkeit in allen nur denkbaren Facetten, sondern auch „die Liebe und die Migräne“. Im Literaturhaus stellt Claudio Magris seinen Roman zusammen mit dem Schauspieler Stephan Benson vor, Joachim Dicks moderiert.

Professor Diego de Henriquez schläft in einem Sarg mit einer Pickelhaube auf dem Kopf, umgeben von Kriegsgeräten in einem Schuppen. Sein großer Traum ist ein Museum, das der Dokumentation des Krieges dienen soll, „um den Frieden zu preisen“, für dieses Ideal, seine große Mission, opfert er ein Vermögen und sein ganzes Leben. Am 2. Mai 1972 kommt er bei einem Brand in seinem Schuppen ums Leben, die mysteriösen Umstände seines Todes bleiben ungeklärt, sein Lebenswerk erfüllt sich jedoch: 2014 eröffnet in Triest das „Kriegsmuseum für den Frieden Diego de Henriquez“. Die Sammlung umfasst 15.000 inventarisierte Ausstellungsstücke, darunter Waffen, Fotografien, Tagebücher, Plakate, Landkarten und vieles mehr. Das ist der reale Ausgangspunkt für die im Roman, wie Claudio Magris anmerkt, „völlig frei erfundene“ Figur und Geschichte des Diego de Henriquez. In einem Erzählstrang, der sich aus 53 zum Teil sehr kurzen Kapiteln zusammensetzt, erfahren wir vom Labyrinth der Manien des irrsinnigen Sammlers und besichtigen Kanonen, Panzer, U-Boote, Jeeps und Raketenabschussrampen in den Sälen seines Museums. Das Waffenarsenal selbst würde sich dabei als erzählerischer Horizont jedoch genauso schnell erschöpfen, wie die groteske Obsession ihres Sammlers, der nicht wahllos „Granatsplitter, verbeulte Blechnäpfe, Feldabzeichen, zerquetschte Kompasse“ und „Zünder“ zusammentrug, sondern die Geschichten dazu notierte. Sie erzählen vom Schicksal des Ivo Saganic, Leutnant zur See, den seine Frau betrogen hat und vom unsicheren Helden Schimek, vom „grimmigen Krieg um die Liebe“, den ein Familienvater mit seinem letzten „dumpfen Röcheln“ verliert, von „Pflanzenkämpfen“ und von einer „kleinen Bibliothek der Sexualität“. Ein Fresko aus Notizen, das verschiedenste Zeiten, Orte und Menschen zusammenführt.

Transkribiert werden all diese Geschichten von Luisa, die vom kommunalen Kulturamt von Triest damit beauftragt wird, Ordnung in das Chaos zu bringen, das der Sammler hinterlassen hat. Ihrer Geschichte widmet sich schließlich ein zweiter Erzählstrang, der den Roman erst als solchen zusammenhält. Lisa, die Tochter einer Jüdin und eines afroamerikanischen Leutnants, ist Nachfahrin von Diaspora und Sklavenhandel zugleich. Und Tochter einer Mutter, die an Migräne leidet, seit sie vom Schicksal ihrer Mutter erfahren hat. Luisas Großmutter Deborah bringt ihre Tochter bei einem ehemaligen Dienstmädchen am Meer vor den Deutschen in Sicherheit, wo sie glückliche Kindheitsjahre erlebt. Erst später erfährt sie vom Konzentrationslager Risiera di San Sabba in Triest, genau gegenüber jener Bucht, in der sie so gerne zum Baden ging, dort hat man vielleicht auch ihre Mutter umgebracht. Seitdem sie davon weiß, meidet sie das Meer. Luisa wird während ihrer Arbeit am „Kriegsmuseum für den Frieden“ von der Geschichte eingeholt, denn Diego de Henriquez war von der Risiera di San Sabba magisch angezogen.
Hier spekuliert der Roman mit einer dunklen Episode der Triester Stadtgeschichte: Die Häftlinge in der Risiera hatten Namen von Denunzianten und Komplizen an die Wände des Lagers geschrieben, die sofort nach dem Krieg übertüncht wurden. Ist Diego de Henriquez tatsächlich an eine Liste der Namen gekommen? Bis heute ist die Vermutung nicht ausgeräumt, er könnte deswegen ermordet worden sein.

Mit seinem vielschichtigen Roman eröffnet Claudio Magris das Verfahren um Wahrheit, Schuld und Sühne neu, ausgefochten wird es von einer großen Frauenfigur, die in diesem mächtigen Epos ein Museum für Tausend und eine Nacht des Bösen arrangiert, in dem sie den ganzen Reichtum der grausamen Abgründe vor uns ausbreitet. Und dennoch findet sie auch Hoffnung: „(…) vielleicht war es nicht unmöglich, glücklich zu sein, auch wenn es so schwer war, daran zu glauben; nicht nur in den Märchen findet man den verlorenen Schlüssel wieder, den plötzlich irgendein verzauberter Vogel nach Hause zurückbringt.“

Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, 14.-/10.- Euro.


Buchpräsentation mit Jack Urwin

Männerdämmerung

Jack Urwin
Jack Urwin, Foto: Michael Barkerr
Sie sind bekannt für ihre Risikobereitschaft, ihre Coolness ist legendär und ihr Führungsanspruch so selbstverständlich, dass Frauen bei der Besetzung der Vorstände börsennotierter Unternehmen in Deutschland bis heute kaum Berücksichtigung finden. Gegenwärtig erlebt sogar der väterliche Patriarch, von dem wir glauben durften, er sei ein Auslaufmodell, wieder eine ganz erstaunliche Renaissance. Doch sind die starren Männlichkeitsbilder, die in der Berufswelt, der Werbung und den Medien noch immer vorherrschend sind, auch tatsächlich wünschenswert?

Der junge Journalist Jack Urwin, 1992 in Lougborough (UK) geboren, veröffentlichte 2014 ein Essay über seinen Vater, das weltweit Beachtung fand. Urwin war noch ein Kind als sein Vater an einem Herzinfarkt starb, völlig überraschend für seine Familie und mit nur 51 Jahren. Später kam heraus, dass der Vater von seinen Herzproblemen gewusst hatte, sie jedoch einfach verschwieg und verdrängte. Für seinen Sohn ist die Konsequenz ein Trauma, das ihn in das gleiche Verhaltensmuster zwingt. Schon kurz nach dem Tod des Vaters wird ihm in der Schule der Titel „witzigster Schüler“ verliehen, seine Trauer und seine Probleme behält er für sich und erzählt lieber Witze. In seinem Buch „Boys don’t cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit“ bezeichnet Jack Urwin diese Unfähigkeit über Gefühle zu sprechen als toxische Maskulinität. Sein Buch ist ein Plädoyer für einen anderen Umgang miteinander, das sich der „Männlichkeit im Militär“ ebenso widmet wie dem „Frust männlicher Jungfrauen“ und vielen anderen Männerthemen. Die britische Journalistin, Bloggerin und Feministin Laurie Penny, die Urwin seit Jahren protegiert, schwärmt von einem „Buch des Jahrtausends über Männlichkeit und Politik, auf das die Welt gewartet hat“.

Jack Urwin liest in der Werkstatt 3 aus seinem Buch über Identität, Gefühl und Männlichkeit. Übersetzung: Georg Felix Harsch. Moderation: Oskar Piegsa.

Literaturzentrum und umdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V. in der W3, Nernstweg 34, 19.30 Uhr, 5.-/3.- Euro.


Lesung

„Brücke der Hoffnung“

Die deutsch-bosnische Autorin Emina Čabaravdić-Kamber liest Kurzgeschichten und Gedichte, teilweise auf Bosnisch. Begleitend zur Lesung verknüpft die Fotoausstellung „Lichtblicke“ des Projekts „wirsprechenfotografisch“ vergangene mit aktuellen Fluchtgeschichten.

Haus der Patriotischen Gesellschaft, Trostbrücke 6 ,18:00 Uhr, Eintritt frei. Anmeldung per E-Mail an info@patriotische-gesellschaft.de oder unter Tel. 040-30709050-0.


Lesung

„Die Graupensuppe“

Der Schauspieler und Musiker Günter Märtens liest aus seinem autobiographischen Roman, unterstützt wird er von Christian Redl und Peter Lohmeyer sowie der Liveband „PlingPlang“.

St. Pauli Theater, Reeperbahn 29-30, 20.00 Uhr, 20.- Euro.


Lesung

„Als Kind wünschte ich mir goldene Locken“

Magdalena Kemper präsentiert ihr Hörbuch mit „Gesprächen mit Überlebenden der Shoa“.

Hamburger Frauenbibliothek, Grindelallee 43, 19.30 Uhr, 7.-/5.- Euro.


Marathonlesung

Zum Gedenken an die Bücherverbrennung

Am 10. Mai 1933 und in den Tagen und Wochen davor und danach, wurde in einer großangelegten „Aktion wider den undeutschen Geist“ von der deutschen Studentenschaft das angeblich „zersetzende Schrifttum“ aus den Bibliotheken des Landes zusammengetragen und an zentralen Orten „den Flammen überantwortet“. In der Bücherverbrennung sah man einen symbolischen Akt, so wie in der Vorzeit dem Feuer eine reinigende Wirkung zugesprochen wurde, sollte in ihm zum Ausdruck kommen, „dass in Deutschland die Nation sich innerlich und äußerlich gereinigt hat“ (Joseph Goebbels in seiner Rede am Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933). Die „Schund- und Schmutz-Literaten“, deren Werke am 10. Mai dieser barbarischen „Reinigung“ unterzogen wurden, gehörten zu den herausragenden Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern des Landes, darunter waren Franz Kafka und Bertolt Brecht, Robert Musil und Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky und Karl Marx, Erich Kästner und Else Lasker-Schüler, Albert Einstein und Siegmund Freud. In Hamburg brannten die Bücher am 15. Mai am Kaiser-Friedrich-Ufer.

Zum Gedenken an die Bücherverbrennung findet auch in diesem Jahr wieder eine „Marathonlesung“ am Kaiser-Friedrich-Ufer statt.

Lese-Zeichen-Hamburg, am Platz der Bücherverbrennung, Kaiser-Friedrich-Ufer / Ecke Heymannstr., ab 11.00 Uhr, Eintritt frei.


Poetry Slam

„Best of Poetry Slam“

Vier Slamer aus der A-Liga der deutschen Szene präsentieren sich in 10 Minuten dem Publikum. Moderation: Michel Abdollahi.

Ernst Deutsch Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, 20.00 Uhr, 13.- bis 21.- Euro, erm. 6.50 bis 10.50 Euro inkl. HVV.


Science Slam

Wissenschaftliches rockt den Bunker

Junge Wissenschaftler präsentieren ihre Arbeiten auf der Bühne des „Uebel & Gefährlich“ – in einem gnadenlosen Wettstreit. Das Publikum kürt den Gewinner. Moderation: Insina Lüschen.

Uebel & Gefährlich. Feldstraße 66, 20.30 Uhr, 9.-/7.- Euro.


Vortrag

„Gott ist tot!“ (?) Friedrich Nietzsche und der hispanoamerikanische Modernismus“

Vortrag von Pablo Pino, Institut für Romanistik, Arbeitsbereich Hispanistische Literaturwissenschaft, Universität Hamburg, im Rahmen der öffentlichen Ringvorlesung „Kosmopolitismus als Programm - Von künstlerischen und sozialen Modernisierungsprozessen im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in Lateinamerika und Europa“.

Universität Hamburg, Philosophenturm, Hörsaal F, Von-Melle-Park 6, 18.00-20.00 Uhr, Eintritt frei.