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Montag, 11.12.2017


Lesung und Gespräch

„Hans-Henny-Jahnn-Abend“

„Jahnn
Hans Henny Jahnn (vorne links) bei der Gründung des PEN-Clubs Deutschland in Göttingen, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1984-0424-504 / CC-BY-SA
Er gilt als großer literarischer Außenseiter des 20. Jahrhunderts, der 1894 in Stellingen geborene Schriftsteller Hans Henny Jahnn. Neben seiner literarischen Arbeit wird er als Orgelbauer berühmt, er züchtet Pferde und gründet 1919 die Glaubensgemeinschaft „Ugrino“. Zum „Hans-Henny-Jahnn-Abend“ sprechen und lesen der Literaturwissenschaftler und Essayist Jan Bürger, dessen hochgelobte Jahnn-Biografie „Der gestrandete Wal. Das maßlose Leben des Hans Henny Jahnn. Die Jahre 1894–1935“ bei Hoffmann und Campe in einer erweiterten Neuausgabe erschienen ist, und der österreichische Schriftsteller Josef Winkler, der ein Nachwort zu dem kürzlich in einer neuen Ausgabe bei Hoffmann und Campe erschienenen Roman „Perrudja“ von Hans Henny Jahnn schrieb. Moderation: Ulrich Greiner.

Seine ersten literarischen Werke schreibt Hans Henny Jahnn in Norwegen, wohin der überzeugte Pazifist nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusammen mit seinem Gefährten und Geliebten Gottlieb Harms ins Exil flieht. Dazu zählt auch sein Drama „Pastor Ephraim Magnus“, für das er 1920 unter großen Protesten den Kleist-Preis Hamburgs erhält. Jahnns erster Roman „Perrudja“ erscheint 1929, doch der erhoffte literarische Durchbruch gelingt nicht. Sein Werk bleibt wegen der drastischen Darstellungen von Sexualität und Gewalt umstritten, von Klaus Mann gefeiert und von Walter Benjamin als „Heimatkunst der analen Zone“ verunglimpft. Als 1931 dann auch noch der geliebte Gottlieb Harms stirbt, zieht Jahnn mit seiner Familie nach Bornholm auf einen Bauernhof.

Schon 1926 hatte er Ellinor Philips geheiratet, es ist eine ungewöhnliche, von tiefer Zuneigung getragene Ehe, wie man mit dem bei Hoffmann und Campe erschienenen Band „Liebe ist Quatsch“ in allen Facetten anhand der Briefe von Jahnn an Ellinor nachvollziehen kann. Bis 1945 hält Jahnn sich weitgehend im Ausland auf, den Nationalsozialisten gilt er als „Kommunist und Pornograph“, seine Wohnung in Hamburg wird mehrfach durchsucht. Jahnn lebt auf Bornholm zusammen mit Ellinor, deren Schwester Sibylle, der Witwe von Harms, ihrem fünfjährigen Sohn, dem Besitzer des Hofes und seiner Tochter Signe. In den Jahren im Exil entsteht sein Hauptwerk „Fluss ohne Ufer“, „eines der prächtigsten Prosawerke deutscher Sprache“ (Botho Strauß).

„Wie wenn es aus dem Nebel gekommen wäre, so wurde das schöne Schiff plötzlich sichtbar“ - so beginnt die über 2000 Seiten lange Romantrilogie, die bei Hoffmann und Campe im in einer opulent ausgestatteten Ausgabe erschienen ist. Auf dem Schiff befinden sich eine geheime, womöglich todbringende Fracht, und ein blinder Passagier: Gustav Horn. Seine Verlobte, die Tochter des Kapitäns, wird die Reise nicht überleben, sie verschwindet während eines Unwetters spurlos, und Gustav setzt sich an die Spitze einer Meuterei, die mit dem Untergang des Schiffs endet. Doch für Horn ist die Reise noch lange nicht zu Ende, sie wird ihn über Kontinente führen, hinab in menschliche Abgründe und zu einer Erkundung der Welt, der Natur, des Daseins und der Sprache. „Nichts Denkbares oder Fühlbares bleibt hier ungedacht oder ungefühlt; und nichts bleibt unausgesprochen“, heißt es in einer Kritik in der „ZEIT“ aus dem Jahr 1950 als mit „Die Niederschrift des Gustav Anias Horn“ der zweite Teil der Trilogie erstmals erschien. Ebenfalls 1950 kehrt Jahnn nach Hamburg zurück. Er lebt mit Ellinor im Witthüs im Hirschpark, wird erster Präsident der Freien Akademie der Künste. Als er am 29. November 1959 in Hamburg stirbt, ist sein Werk noch immer umstritten, der „Epilog“ zu „Fluss ohne Ufer“ noch unveröffentlicht.

Das große Publikum hat Hans Henny Jahnn in den letzten Jahrzenten kaum je einmal erreicht – der „Bannkreis aus Unkenntnis und Missachtung, der sein Werk umgibt, ist noch immer nicht durchbrochen“, wie Ulrich Greiner zum 100. Geburtstag des Dichters 1994 schrieb. Obwohl man es doch immer wieder versucht.

Freie Akademie und Literaturhaus in der Freien Akademie der Künste, Klosterwall 23, 19.00 Uhr, 10.-/7.- Euro.