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Dienstag, 18.04.2017


Lesung mit Olga Grjasnowa

Und plötzlich herrscht Krieg




Am Anfang dieses Romans wird eine Karte abgedruckt, die den Schauplatz des Geschehens zeigt, man kennt ihn inzwischen gut, weil er als Ausschnitt so oft illustrierend in Nachrichten zu sehen ist: Syrien, Kurdistan, die Türkei, man könnte Fluchtrouten hinzufügen, Frontlinien und Lager einzeichnen, die so fern nicht sind. Jedenfalls für Amal und Hammoudi, die Hauptfiguren in Olga Grjasnowas neuem Roman „Gott ist nicht schüchtern“.

Schon mit ihrem Romandebüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, in dem sie die Geschichte einer Generation erzählt, die keine Grenzen kennt, aber auch keine Heimat hat, wurde Olga Grjasnowa mehrfach ausgezeichnet und erreichte ein großes Lesepublikum. Es folgte der Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“, der eine Dreiecksgeschichte erzählt, in diesen Tagen ist nun ihr dritter Roman erschienen. Olga Grjasnowa, die 1984 in Baku, Aserbaidschan, geboren wurde, im Kaukasus aufwuchs und mit elf Jahren zusammen mit ihren Eltern nach Deutschland kam, erzählt in „Gott ist nicht schüchtern“ keine Flüchtlingsgeschichte, mit der uns die Bilder und Klischees, die wir in den letzten Jahren so oft in den Medien gesehen haben, bestätigt würden. Wie schon in ihren vorangegangenen Romanen stehen Menschen mit gebrochenen Lebensläufen im Zentrum ihrer Geschichte, die der reichen, westlich geprägten Oberschicht angehören: Hammoudi ist ein junger Chirurg,„schlank, zuvorkommend und charmant“, der nur aus Paris nach Damaskus kommt, um seinen Pass verlängern zu lassen; Amal feiert ihre ersten Erfolge als Schauspielerin und träumt vom kommenden Ruhm. In Damaskus lernen sie sich kennen, Amal vermutet jedoch, dass Hammoudi zum Geheimdienst gehören könnte, die Verhältnisse sind kompliziert, doch mit dem „Arabischen Frühling“ scheint die Freiheit kurz zum Greifen nah, beide glauben an die Revolution in ihrem Land. Scheinbar plötzlich herrscht dann Krieg, das Grauen wird alltäglich und alle Hoffnungen werden in den Wirren des syrischen Bürgerkrieges begraben. Hammoudi hockt irgendwann mit hundert Wildfremden auf einem winzigen Schlauchboot und hofft darauf, lebend auf Lesbos anzukommen, Amal treibt hoffnungslos im Ozean, nachdem das Frachtschiff, auf dem sie nach Europa geschmuggelt werden sollte, untergegangen ist. In Berlin werden sich Amal und Hammoudi wiederbegegnen: zwei Menschen, die alles verloren haben.
Olga Grjasnowa hat mit „Gott ist nicht schüchtern“ einen engagierten Roman vorgelegt, der davon erzählt, wie es ist, wenn man plötzlich mit Folter, Flucht und Krieg konfrontiert ist, wo man gerade noch Träume haben durfte. Im Literaturhaus liest sie aus „Gott ist nicht schüchtern“. Moderation: Richard Kämmerlings.

Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, 10.-/6.- Euro.


Lesung mit Tex Rubinowitz

Ein bisschen Stuck ranklatschen




Wer ihn schon einmal erlebt hat, weiß: Tex Rubinowitz ist eine Zumutung, ein Dampfplauderer, Dauererzähler, Wirbelwind, ein echtes Multitalent also. Wenn er sich beieinander hält, was nicht immer gelingt, wenn er nicht gerade vom Hundertsten ins Tausendste auf und davon schwadroniert, sind seine literarischenKapriolen aber mindestens ein großer und meist auch noch ein höchst intelligenter Spaß. Im Nochtspeicher stellt der österreichische Schriftsteller, Maler und Musiker zum Yachtclub seinen neuen Roman „Lass mich nicht allein mit ihr“ vor. Moderation: Friederike Moldenhauer & Tina Uebel.

Mit einer „wilden, schönen und sehr seltenen Liebesgeschichte“, so urteilte die Jury, hat Tex Rubinowitz 2014 den Ingeborg Bachmann-Preis gewonnen. „Irma“ hieß der 2015 erschienene Roman, der ihm dann prompt den Vorwurf einbrachte, aus der Wikipedia abgeschrieben zu haben. Dass Rubinowitz ein unzuverlässiger Erzähler ist, beweist er nun auch mit seinem neuen Roman „Lass mich nicht allein mit ihr“, in dem er die Plagiatsvorwürfe aufgreift und das „wacklige Fundament“ sozusagen zum postfaktisch aufgeladenen Prinzip seines Erzählens erhebt. Doch der Reihe nach und das heißt in diesem Fall, es beginnt mit der „Stopp-Start-Methode“, durch die wir erfahren, dass der kleine Tex einst „im Mutterleib“ seinen Zwilling verschluckt hat. Der wird ihm mit etwa sieben Jahren „aus dem Leib operiert“, damit der einzig wahre Tex Rubinowitz zu voller Geltung heranreifen kann. Dieser wahre Tex ist nun zuerst einmal mit seinem Lektor konfrontiert, der ihm freimütig erklärt, dass es keinesfalls ausreiche, wenn man als Erzähler nur „ein bisschen Stuck“ ranklatsche. Und damit gibt sich Tex dann auch nicht zufrieden. Oder ist er es vielleicht gar nicht selbst, sondern doch ein Doppelgänger, der seine Geschichte um eine erotische Obsession und einen Toten im Kleiderschrank bereichert? Die Einwürfe und Ermahnungen des Lektors, der ihn dazu auffordert, „lästige Sollbruchstellen“ rauszunehmen, bleiben jedenfalls ungehört, immer wieder verliert sich der Erzähler in großmäuligen Bekenntnissen, reflektiert über Kunst und über Hochstapler in der Kunst, um am Ende dann vielleicht von seinem DoppelgängerTex sogar gestalkt zu werden. Ob Doppelgänger, Einzeloder Wiedergänger, eine Erkenntnis teilen sie sich: „Keinen Sinn machen, das scheint schon immer mein Motto gewesen zu sein, ist ja auch recht bequem und hilfreich beim allgemeinen Durchschlängeln.“ Abschließend erfahren wir immerhin noch, um was es in diesem phantastischen Roman eigentlich geht: „Um ein Pferd namens Schlawini, das in einem Zinnbecher auf dem Mond lebt und einzelne Reiskörner in den Landesfarben Sierra Leones bemalt.“

Nochtspeicher, Bernhard-Nocht-Str. 69a, 20.00 Uhr, 9.- Euro.


Lesung

„Der Käs im Grippte“

Drei „hessisches Wahlhamburger“ treffen sich zum „Weihnachtsbembeln“ und um Geschichten vorzulesen. Teilweise in Mundart, manchmal noch unverständlicher, immer aber mit dem allseits bekannten bissigen Hessen-Humor. Es lesen: Thomas Nast, Bronco Butzbach und Ina Bruchlos.

Mathilde Bar Ottensen, Kleine Rainstr. 11, 20.15 Uhr, 5.- Euro.


Lesung

„Jägerschlacht“

Offener Poetry Slam. Lesezeit: 5 Minuten. Lesen kann, wer sich kurz vor der Veranstaltung in die Leseliste eintragen lässt. Moderation: Hinnerk Köhn.

Kampf der Künste, Grüner Jäger, Neuer Pferdemarkt 36, 20.30 Uhr, 4.- Euro.