Ennette Mingels Roman »Dieses entsetzliche Glück«

Willkommen in Hollyhock

Annette Mingels
Annette Mingels, Foto: Hendrik Lüders
In einem Reigen aus fünfzehn Geschichten erzählt Annette Mingels in ihrem neuen Roman »Dieses entsetzliche Glück« (Pinguin) von Freundschaft und Liebe, aber auch von den Brüchen und Verwerfungen des Lebens. Obwohl es kein klassischer Roman mit einer durchgängig stringenten Handlung ist, sondern ein literarischer Hybrid ohne klares Zentrum, ist man ganz schnell in diesem erzählerischen Kosmos gefangen. Das liegt an der brillanten Dramaturgie und sehr fein austarierten sprachlichen Mikroökonomie von Annette Mingels Prosa.

Eine boomende Kleinstadt irgendwo in Virginia im Südosten der USA, das ist Hollyhock. Ein überschaubarer Ort, an dem man sich kennt und in einer heilen Welt zu Haus sein kann. Von hier aus wirft Annette Mingels in »Dieses entsetzliche Glück« mit Susan, Saul, Aiko, Kenji, Lucy, Robert, Amy, Lizzy und wie sie sonst alle heißen ein Netz bis nach New York, San Francisco und Montreal aus. Zuerst stellt sie uns mit Robert und Amy ein älteres Ehepaar aus Hollyhock vor. Seit Jahrzehnten zusammen, haben sie jetzt die Vereinbarung getroffen, dass sie mit anderen schlafen dürfen. Während Amy damit erfolgreich mehrere Affären in ihr Leben zaubert, reagiert Robert immer eifersüchtiger, bis er eines Tages eine jüngere Frau kennenlernt, die Amy erstaunlich ähnlich sieht.
Da ist die Maklerin Susan, die nur kurz nach Hause kommt, weil sie einen Schlüssel für eine Besichtigung vergessen hat und eine verstörende Entdeckung macht. Da ist der Arzt Saul, dessen Frau sich nach Jahrzehnten von ihm trennt, und da sind ihre erwachsenen Kinder.
Aiko hat nach einem Jurastudium festgestellt, dass sie damit nicht glücklich werden kann und studiert jetzt Medizin. Kenji ist auf dem Sprung, als Schriftsteller bekannt zu werden, trauert jedoch seit Jahren schon unglücklich seiner Jugendliebe hinterher. Er sehnt sich, wie seine Schwester und die anderen Figuren in diesem Erzählreigen auch, nach etwas, das sich in seinem Leben nicht erfüllt hat.
Umso besser man sich mit Annette Mingels in Hollyhock auskennt, umso dichter das Netz der Figuren gewebt ist, umso mehr berühren sie uns weil wir sie aus so vielen Blickwinkeln und Einstellungen heraus erlebt haben. »Dieses entsetzliche Glück« ist ein Buch, das viel Spaß macht, das bewegt und lange nachhallt - eines der literarischen Highlights dieses Bücherherbstes.

Annette Mingels, »Dieses entsetzliche Glück«, Penguin, € 20,–.


06.10.2020 | Jürgen Abel