Kübra Gümüsays Buch »Sprache und Sein«

Plädoyer für eine offene und vielfältige Gesellschaft

Kübra Gümüsay
Kübra Gümüsay, Foto: Paula Winkler
Wie werden wir als Individuen jenseits der Zuschreibungen durch eine Gruppe, eine Ethnie, Herkunft, Religion oder auch eine politische Haltung sichtbar und können miteinander ins Gespräch kommen? Das ist die zentrale Frage, die Kübra Gümüsay in ihrem Buch »Sprache und Sein« (Hanser Berlin) aufwirft. Die Hamburger Feministin, Bloggerin, Aktivistin und Journalistin bewegt sich damit an einer zentralen Nahtstelle der gesellschaftspolitischen Debatte der Gegenwart.

»Frei sprechen«, so heißt einer der Essays in Kübra Gümüsays »Sprache und Sein«, in dem sie davon berichtet, wie sie als Kolumnistin einer Tageszeitung schon vor Jahren nicht nur einen der gewohnten Hasskommentare, sondern eine Morddrohung erhielt. Auf zwei Seiten wurde ihr da erklärt, weshalb der Verfasser als »Russlanddeutscher« viel deutscher sei als sie, die »Deutschtürkin«. Es folgte eine »detaillierte Beschreibung, wie er plane«, ihrem Leben »ein Ende zu setzen«. Die Redaktion schickte Gümüsay damals »alarmiert« zur Polizei und diese sie »schulterzuckend nach Hause«. Sie kommentiert die Morddrohung in ihrem Essay mit nur einem Wort: »Interessant«. Erst Monate später und nachdem der Mann sich bei ihr entschuldigt hatte, fällt ihr auf, »wie verrückt es war, eine Morddrohung emotional derart zu normalisieren«. Man darf vermuten, dass die Polizei und auch sie selbst heute anders reagieren würden: Die Polarisierung ist fortgeschritten und die Sensibilisierung auf allen Seiten auch. Kübra Gümüsay bewegt sich mit ihrem Essay an einer Nahtstelle der gesellschaftspolitischen Debatte: Wie werden wir als Individuen jenseits der Zuschreibungen durch eine Gruppe, eine Ethnie, Herkunft, Religion oder auch eine politische Haltung sichtbar und können miteinander ins Gespräch kommen?

Nichts prägt das gesellschaftliche Klima so sehr wie unsere Sprache, sie »kann unsere Welt begrenzen«, wie Kübra Gümüsay schreibt, »aber auch unendlich weit öffnen«. Die 11 Aufsätze ihres Buches werden von der »Macht der Sprache«, der »Individualität als Privileg«, der »Agenda der Rechten« bis zum »Frei sprechen« alle getragen von einem Appell zu einem neuen, gemeinschaftlichen Denken und der Sehnsucht nach einer Sprache, die nicht trennt, sondern verbindet. Gümüsay hat selbst über viele Jahre gegen Stereotype angekämpft und lebt bis heute mit der Frage, »wie das denn gehe: Islam und Feminismus, Kopftuch und Emanzipation, Religiosität und Bildung«. Irgendwann hat sie sich entschlossen, diese Perspektive umzukehren, sich nicht mehr selbst zu erklären, obwohl sie in ihrem Buch natürlich auch von ihren eigenen Erfahrungen erzählt, sondern neue Perspektiven zu finden und aufzuzeigen. Das versucht sie in »Sprache und Sein« mit vielen guten Argumenten für eine vielfältige und offene Gesellschaft. Es ist ein wichtiges Buch in einer Zeit, in der hasserfüllte Diskurse das gesellschaftliche Klima prägen – und den Weg bereitet haben für eine in Deutschland seit Jahrzehnten beispiellose rechtsradikale Anschlagsserie.

Kübra Gümüsays, »Sprache und Sein«, € 16,99

10.03.2020 | Jürgen Abel