Montag 15.10.2018


Buchpremiere mit Dörte Hansen

Kein schöner Land

Dörte Hansen
Dörte Hansen, Foto: Sven Jaax
Wer ihn nur einmal gesehen hat, der weiß, wie leicht es ist, unter diesem Himmel verloren zu gehen und in diesem Horizont. Der Norden ist weit. Und in der Schleswigschen Geest ist er auch leer. Nacktes, abgewetztes Land, Altmoränenland, das ewig unter Eis begraben war. Davon umgeben sind Brinkebüll und der Gasthof der Feddersens mit seinem Ballsaal. Lange war er das Herzzentrum des Dorfes, jetzt ist er das Symbol eines jahrzehntelangen Niedergangs. Von ihm und dem Aufbruch, der darauf folgt, erzählt Dörte Hansen in ihrem Dorf- und Heimatroman »Mittagsstunde«, einer liebevollen Hommage an Nordfriesland und seine Menschen, für die sie insgeheim einen ganz großen Bogen von der Jungsteinzeit bis in die Gegenwart schlägt. Dörte Hansen stellt »Mittagsstunde« im Altonaer Theater vor.

Sönke Feddersen, »de Kröger«, steht mit seinen 93 Jahren immer noch hinterm Tresen, auf einem Auge blind, sieht er nur noch das, was er sehen will, so wie seine Tochter »Marret Ünnergang« es Zeit ihres Lebens gehalten hat. Sie schnackt mit den Vögeln, sammelt Steine, Federn, sogar tote Tiere, inventarisiert ihre Funde akribisch und findet überall Zeichen des nahen Weltuntergangs. Sonst ist nicht viel mit ihr anzufangen, nur singen, das kann sie auch. In ihrer Jugend ist Marret der »Stern von Brinkebüll«, wenn »Die Barracudas« sie auf die Bühne im Ballsaal des Gasthofs bitten und sie »Schöner fremder Mann« und »Mit siebzehn hat man noch Träume« singt. Ihre Mutter wundert sich bald über gar nichts mehr und fällt dann doch aus allen Wolken, als das Mädchen plötzlich schwanger ist und einen Sohn zur Welt bringt. »Schuld« war natürlich »nicht der Bossa Nova«, sondern einer der Vermessungsingenieure, die dem Land eine viel zu gründliche Flurbereinigung verordnen. Dörte Hansen erzählt in ihrem Roman in kurzen Episoden, die alle mit Liedzeilen überschrieben sind, vom Leben in Brinkebüll von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Im Zentrum stehen dabei die Einwohner, ob Dörte Dethlefsen mit ihren dürren, kurzen Beinen, Hauke Godbersen, der Mappenmann, Dora Koopmann, die in ihrem Edeka hin und wieder mit Konservendosen schmeißt, Bäcker Boysen, Thies Hamke, Hanni »Bimmel« Thomsen, Carsten Leidig, Pastor Ahlers, natürlich auch Lehrer Steensen und wie sie sonst noch so heißen. Allesamt sind sie typische nordfriesische Hinterwäldler der Nachkriegszeit, manche von beißendem Provinzmief umweht, beschädigt und verschroben, die meisten freundlich und seit Generationen miteinander verwandt. Dörte Hansen erzählt zugewandt und mit viel Humor von ihren Brinkebüllern, verschweigt aber auch die Abgründe nicht, die hinter der Fassade ihrer Heimat lauern.
Mit Ingwer Feddersen, Prähistoriker an der Uni Kiel, dem vaterlosen Sohn von Marret, kommen wir in dem Roman in der Gegenwart an. Er ist nach Brinkebüll zurückgekehrt, um sich für einige Zeit um die Großeltern zu kümmern, zu regeln, was zu regeln ist und sich mit seiner Herkunft zu versöhnen. Richtig losgekommen ist er von dem Ort nie, für ihn gibt es »kein schöner Land« als dieses, so verwüstet und geschunden es auch ist. In »Sheriff Ketelsen«, der von einem Saloon träumt, findet er am Ende einen guten Geist für den Ballsaal und schließlich auch zu der Erkenntnis, dass Zeitalter kommen und gehen. In Brinkebüll läuft das immerhin schon seit der Jungsteinzeit so, wie der Prähistoriker weiß. Seine Mutter Marret, die in allem Zeichen dafür gesehen hat, behält am Ende dann doch recht: »Die Welt geiht ünner «. Dank Dörte Hansen kann man das aber so gelassen sehen, wie ihre Brinkebüller, denn mit »Mittagsstunde« hat sie den Menschen im zerschrammten Altmoränenland ein wundervolles Denkmal gesetzt.

Harbour Front Literaturfestival im Altonaer Theater, Museumstr. 17, 20.00 Uhr, € 17,–/ 14,–