Ausnahme Zustand
Ella Carina Werner, Der Untergang des Abendkleides

6 19.09.2020


Buchpräsentation

»Zwischen Himmel und Elbe«

Jan Bürger, Foto: Chris Korner, Deutsches Literaturarchiv Marbach
Für die Hamburger Kultur ist es das ungewöhnlichste Buch des Jahres und ein Ereignis. Es heißt »Zwischen Himmel und Elbe« und ist eine Kulturgeschichte. Geschrieben hat sie Jan Bürger, der am Deutschen Literaturarchiv in Marbach u.a. den Nachlass von Peter Rühmkorf betreut und ein herausragender Kenner der Werke und Biograf des Hamburger Schriftstellers Hans Henny Jahnn ist. Vielleicht gerade weil Hamburg oft und mit prominenter Unterstützung aus dem eigenen Kulturbetrieb als kulturfern gescholten wurde, kommt man mit Bürgers Streifzug mehr und mehr ins Schwärmen. Die zwölf Stationen seiner Kulturgeschichte fügen sich zu einer so gelehrten wie unterhaltenden Gesamtschau einer Kulturmetropole mit zwar sprödem Charme, gleichzeitig aber doch großer künstlerischer Vielfalt und vor allem auch mit Pop.

Aufgebaut hat Jan Bürger seine Kulturgeschichte nicht chronologisch, er hat sich ein Mapping anhand der S- und U-Bahnstationen angelegt und entdeckt die Kultur von zentralen Orten und »damit stets von unserer Gegenwart« aus. Das hat den großen Vorteil, dass er thematisch und inhaltlich eher flanierend erzählt, was schlicht unterhaltender ist als eine Chronologie der Ereignisse. Die prägenden Aspekte fasst er am Anfang zusammen: Hamburg ist ausschließlich durch den Handel groß geworden, Schlösser und Burgen von Fürsten sucht man hier vergebens, dafür ist die Stadt über viele Jahrhunderte Deutschlands »Tor zur Welt«. Schiffe, Docks, Speicher und Kontore prägen das Stadtbild. »Zerstörungen« wie der »Große Brand«, der 1842 weite Teile der Stadt in Schutt und Asche legte, aber auch ein verbreiteter Pragmatismus, der bis in die Gegenwart dazu führt, dass eher nicht bewahrt, sondern abgerissen und neu gestaltet wird, sind zudem bestimmend für das Stadtbild.
Die mächtige Handelsstadt wird in den letzten Jahrhunderten dennoch oder vielleicht auch wegen dieser Dynamik immer wieder zu einem Brennpunkt der Kultur: Im 18. Jahrhundert gilt Hamburg in der Musik vielen als weltweit führend, mit Klopstock lebt zudem einer der Literaturstars Europas in der Stadt. Sternstunden wie diese findet man in der Kulturgeschichte Hamburgs bis in die Gegenwart – von Lessing, Carl Philipp Emanuel Bach über Anita Rée, Hans Henny Jahnn, Wolfgang Borchert bis hin zu Peter Rühmkorf, Brigitte Kronauer, den Beatles und Hubert Fichte, der die Reeperbahn »als Hauptschauplatz der internationalen Popkultur« inszenierte.
Wer nach all den kulturellen Lichtblicken aus der Literatur-, Kunst- und Musikgeschichte Hamburgs, die Jan Bürger bis ins späte 20. Jahrhundert findet, dann in der Gegenwart ankommen will, schlägt »Zwischen Himmel und Elbe« einfach ganz hinten auf. Dort werden »Hundert Bücher zum Weiterlesen«, vorwiegend aus der jüngeren Literatur empfohlen. Es ist eine profunde »Auswahl«, die ebenso wenig in den Regalen kulturbeflissener Hamburger*innen fehlen sollte wie Jan Bürgers Kulturgeschichte auf dem Lesetisch für den kommenden Herbst und Winter.

Harbour Front Literaturfestival in der Kühne Logistics University – The KLU, Großer Grasbrook 17, 19.00 Uhr, € 18,–