6 06.09.2025
Lange Nacht der Literatur
Zeit, Gedächtnis und Erinnerung
Claudia Lanteri, Foto: Maira Giammusso
Von einer ungewöhnlichen »Spurensuche in deutscher Vergangenheit und Gegenwart« erzählt die in Berlin lebende Autorin Asal Dardan (Frauen*bildungszentrum Denk(t)räume, 16.00 Uhr) in »Traumaland«. Es ist ein Debattenbuch, das eine mentale Topografie Deutschlands und seiner politischen Gewaltgeschichte entwirft und dabei komplexe Fragen stellt, auf die es keine einfachen Antworten gibt: Wer macht die deutsche Geschichte? Wer trägt die Verantwortung für vergangene Schuld? Welche Erinnerungen werden erzählt, wie wurden sie kanonisiert, was wurde übersehen und was bleibt ungehört? Asal Dardan, die in Teheran geboren wurde und in Köln, Bonn und Aberdeen aufgewachsen ist, hat sich dafür an den Orten umgesehen, an denen Geschichte zum Ereignis wurde, sie hat Erinnerungsorte in ihrem Berliner Viertel und in Köln besucht, ist in Dessau, Hoyerswerda und Nürnberg gewesen, um »nach den Träumen und Albträumen dieses Landes« zu suchen, »nach dem, was es nicht sein will und deshalb immer wieder droht zu werden«.
Auf ganz andere Weise erzählt auch Claudia Lanteri (Lichtwarksaal, 18.30 Uhr), davon, wie sich Erinnerung konstituiert und über einen langen Zeitraum hinweg verändert. Die in Palermo lebende Schriftstellerin bezeichnet ihren in Italien gefeierten Debütroman »Die Insel und die Zeit« (Folio) selbst als einen »Erinnerungskrimi«. Erzählt wird von einer auf den ersten Blick klassischen Ermittlung auf der wunderschönen, nördlich von Lampedusa liegenden Vulkaninsel Linosa, einem archaischen Ort, der eine Welt für sich bildet. Die Felsen ausgebrannt, die schwarze Erde übersät von Disteln und Ginster, strömt dort Ende der 1950er Jahre alles, was Beine hat, zur Höhle Grotta des Greco. Mittendrin ist der Erzähler Nonò, ein neugieriger 13-jähriger Junge. Wie alle anderen will er etwas über die tote Frau und den dehydrierten Mann erfahren, die dort gestrandet sind. Der Mann ist ein Skipper und berichtet von einem Unglück, bei dem die fünfköpfige Familie ums Leben kam, die seine Yacht für eine Italienreise gechartert hat. In der Folge gibt es Ermittlungen und bald auch eine offizielle Version des Geschehens, der Nonò jedoch misstraut. War es wirklich ein Unglück oder doch ein Mord? Nonò macht sich auf die Suche nach dem Wrack der Yacht in der schwarzen Tiefe des Meeres und ihrem Geheimnis. Über mehrere Jahrzehnte versucht er, das Unfassbare aufzuklären und erweist sich dabei am Ende, trotz großer Erfolge, als unzuverlässiger Erzähler. Erinnert er sich auch richtig? Wie beeinflusst ihn die Insel in ihrer kargen Schönheit und Unverrückbarkeit, welchen Einfluss haben die langsam zerrinnende Zeit und die Einsamkeit auf sein Denken und seine Wahrnehmung? Davon erzählt dieser Roman in einer großen atmosphärischen Dichte und Spannung. »Rätselhaft«, heißt es am Anfang, »ist an dem Fall gar nichts, wir müssen ihn nur verstehen.« Am Ende hat man dann mit Nonò gelernt, dass es vielleicht gar nicht so sehr auf die Wahrheit ankommt, sondern darauf, wie wir versuchen zu verstehen.
Einer, der dieses Prinzip seit vielen Jahren unermüdlich praktiziert, ist Christoph Hein (Blankeneser Kirche am Markt, 20.00 Uhr). Der 1944 in Havelberg geborene Schriftsteller gilt als Chronist der DDR und als zentrale Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur. In seinem neuen Roman »Das Narrenschiff« entfaltet er auf 750 Seiten ein Panorama der DDR von der Staatsgründung bis zum Mauerfall. Im Zentrum stehen der Ökonom Karsten Emser, mit dessen Rückkehr aus dem Exil in Moskau die Romanhandlung einsetzt, und der Bergbau-Ingenieur Johannes Goretzka, der sich in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft vom überzeugten Nazi zum Kommunisten verwandelt, zwei Fachpolitiker und typische Verantwortungsträger der DDR. Was sie verbindet, ist die Hoffnung auf eine demokratische und antifaschistische Gesellschaft, gleichzeitig sind sie bereit, für Macht und ein wenig Luxus auch Entscheidungen mitzutragen, die ihren Überzeugungen nicht entsprechen. Für Hein sind sie die Narren auf dem Narrenschiff des ostdeutschen Gegenmodells zum Westen. Der Schwerpunkt des Romans liegt auf den ersten 20 Jahren der DDR, es ist eine ferne Zeit, deren Alltag mit seinen kleineren und größeren dramatischen Wendungen im privaten Leben der Politfunktionäre und ihrer Familien und Freunde sehr treffend und unterhaltend eingefangen wird. Für die großen historischen Wegmarken, die der Roman streift, empfiehlt sich vielleicht eher ein Blick in die Geschichtsbücher, aber wer etwas über Machtmechanismen in einem autoritären Staat und ihre Verzahnung in den Biografien der Menschen erfahren will, findet hier einen vielschichtigen und höchst lesenswerten Pageturner.
Um abschließend für die Lange Nacht auch noch einen Roman zu empfehlen, der mit einem feinen Erinnerungskonstrukt ein sehr häufig durchgespieltes Genre aufmischt, muss hier jetzt ganz kurz auch noch ein Hinweis auf Klapper und Bär stehen, die beiden Hauptfiguren in dem gefeierten Romandebüt von Kurt Prödel (19.00 Uhr, Buchhandlung Heymann in Eimsbüttel). In dem Coming-of-Age-Roman wird »Klapper«, der dem Roman seinen Titel gegeben hat, ein Computernerd und IT-Sicherheitsbeauftragter, in eine lange zurückliegende Zeit zurück katapultiert, als er sich in einen Games-Account einloggt, der seit »4891 Tagen« offline ist. Es ist der Auftakt für eine so komische wie bewegende Geschichte, in der die Erinnerung an die Teenagerzeit, an Zitroneneistee, Counter-Strike und Kollegah-Punchlines, dem Leben plötzlich noch einmal eine ganz neue Wendung gibt.
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