Donnerstag 05.02.2026


Lange Nacht junger Literatur und Musik

HAM.LIT

Mia Oberländer
Mia Oberländer, Foto: Alexandra Polina
Ein Roman über die selbstzerstörerische Kehrseite allzu schöner Oberflächen und eine Autofiktion über den Amoklauf von Erfurt, Balladen über Mord und Totschlag, eine Graphic Novel über eine Familienfeier, die aus dem Ruder läuft und natürlich die Sache mit dem Meerschweinchen. Das sind einige Stationen der Grand Tour, die bei der HAM.LIT für eine lange Nacht den weiten Horizont der jungen deutschen Literatur ausleuchtet. Zu Gast sind Kaleb Erdmann, Fritzi Ernst, Julius Fischer, Nora Gomringer, Verena Keßler, Juliane Liebert, Ozan Zakariya Keskinkiliç, Mia Oberländer, Thomas Pfenninger, Clara Umbach, Hengameh Yaghoobifarah und Dita Zipfel.

Einer der gefeierten Romane der vergangenen Herbstsaison ist »Gym« von Verena Kessler. Die in Leipzig lebende Schriftstellerin erzählt von einer jungen Frau, die in einem Fitnesspalast »aus glänzenden Oberflächen« anheuert, weil jedoch ihr »Erdnussflipbauch« im »Mega Gym« auffällt und man vom Personal erwartet, Wellness, Fitness und Gesundheit auch zu verkörpern, behauptet sie im Vorstellungsgespräch, gerade erst ein Kind bekommen zu haben. Die erfundene Mutterschaft ist, wie sich bald zeigt, nur der Auftakt einer irren Geschichte, die schnell in einem gnadenlosen Hochleistungs- und Selbstoptimierungswahn eskaliert.
Verena Kessler zeigt in ihrem Roman die dunkle Kehrseite einer auf Leistungsfähigkeit und Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaft aus der in dieser Rolle ungewöhnlichen Perspektive einer erfolgsbesessenen jungen Frau. Es ist ein Roman, der im besten Sinn reinhaut und glänzend unterhält.
Harten Stoff bietet mit ihren »Mörderballaden« aber auch Juliane Liebert bei der HAM.LIT. Das Genre steht in einer langen Tradition in der deutschen Literatur, vielleicht gibt es sie sogar schon, »seit der Mensch Geschichten erzählt« (Suhrkamp Verlag), und Juliane Liebert zeigt, wie spannend »True Crime« auch heute als Ballade noch sein kann. Ihren Stoff zieht sie fast ausschließlich aus realen Ereignissen in der Gegenwart, sie besingt eine Bankräuberin in Männerkleidern, ein Opfer politischer Verfolgung wie den russischen Oppositionellen Nawalny oder die Zeit »der wahren mörderin«.

Das schönste Buch, das in diesem Jahr bei der HAM.LIT vorgestellt wird, ist eine opulent ausgestattete, in der Edition Moderne erschienene Graphic Novel von Mia Oberländer. Schon für ihr Debüt »Anna« erhielt die Hamburger Zeichnerin und Illustratorin 2021 den Jugendliteraturpreis und den Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung. Ihr Stil ist unverwechselbar und zeichnet sich durch kräftige Linien und deutliche Konturen mit geschlossenen Farbflächen aus, sie ist aber auch eine sehr fantasievolle Erzählerin, der es gelingt, in nur wenigen Panels großartige Episoden zu gestalten. In »Saloon – Das ist Familiensache« greift sie Motive wie Steckbriefe, eine Wüstenlandschaft und Kakteen oder das Duell mit Revolvern auf, die man aus klassischen Westerngeschichten und -comics kennt, und ergänzt sie durch frei Erfundenes. Erzählt wird von einer Familienfeier, zu der eine ältere Dame einlädt. Die Familie reist im Auto, mit dem Flugzeug und im Pendelzug »Prosecco Express« bis 15.40 Uhr an, als um 21.00 Uhr die anonym informierte »Streitschlichtung« mit dem Pferd eintrifft, kann sie nur noch feststellen, dass alle schlimmen Erwartungen übertroffen wurden: Frau Spar, die eigentlich nicht zur Familie gehört und auch nicht Frau Spar heißt, ist so platt, dass man sie mit einer Luftpumpe wieder aufblasen muss, sogar der Tisch war schon wütend, bevor sich auch nur irgendwer hingesetzt hatte. Bei der anschließenden Familientherapie geht es entsprechend turbulent zu, bis sich am Ende doch alle unbeschadet und halbwegs versöhnt auf den Heimweg machen.

Damit ist nur ein kleiner Auszug aus dem vielfältigen Programm der HAM.LIT vorgestellt. Weitere Highlights des Abends sind sicher auch der Auftritt von Nora Gomringer, die landauf und landab für ihre Performances gefeiert wird und im Herbst mit ihrem neuen Buch »Am Meerschwein übt das Kind den Tod« Furore machte, die Lesung von Ozan Zakariya Keskinkiliç, der für sein Debüt »Hundesohn« mit dem »aspekte«-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, und die Buchpremieren mit Clara Umbach und Dita Zipfel.

Uebel & Gefährlich, Feldstr. 66, 19.30 Uhr, € 32,64/27,37