Sonntag 01.03.2026
Festival-Eröffnung
»Hamburg liest Lenz«
Siegfried Lenz, Foto: Siegfried Lenz Stiftung
Seine Romane »Deutschstunde« und »Exerzierplatz«, die Erzählbände »So zärtlich war Suleyken« oder »Einstein überquert die Elbe bei Hamburg« haben so große Verbreitung gefunden, dass der ein oder andere Titel bis heute in fast jedem Bücherregal zu finden sein dürfte. Siegfried Lenz, der in der »Perle Masurens«, in Lyck in Ostpreußen, geboren wurde und direkt nach dem Krieg in Hamburg eine neue Heimat fand, hat der deutschen Literatur nach dem Krieg wieder Glanz verliehen. Beispiellos ist aber auch der furiose, späte Erfolg seiner meisterhaften Novelle »Schweigeminute« (2008) und seines 1951 entstandenen, zweiten Romans »Der Überläufer«, der 2016 erst zwei Jahre nach seinem Tod aus dem Nachlass erschien und völlig unerwartet zum Bestseller wurde.
Sein Anspruch an den Schriftsteller, hat Siegfried Lenz einmal geschrieben, »besteht nicht darin, dass er, verschont von der Welt, mit einer Schere schöne Dinge aus Silberpapier schneidet«. Die Romane und Erzählungen dieses »sanften Chronisten deutscher Geschichte« (Volker Weidermann) handeln oft von beispielhaften gesellschaftskritischen Problemen und Themen, die gerade heute wieder relevant sind.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Roman »Deutschstunde«, der die Frage von persönlicher Schuld und Verantwortung in einer Diktatur thematisiert. Lange wurde dem Roman vorgeworfen, was ihn heute auszeichnet, dass er seine Geschichte zwar erkennbar historisch in der Zeit des Nationalsozialismus einbettet, sich aber sonst, ganz unabhängig von historischen Begebenheiten, auf das Verhalten seiner Figuren in einer Diktatur konzentriert. Siegfried Lenz politisiert in seiner Literatur nicht, sondern fragt danach, was unser Handeln bestimmt und warum wir uns schuldig machen.
Zum Festival »Hamburg liest Lenz« wird »Deutschstunde« im Altonaer Theater (28.03.) an einem Tag und Abend von Schauspieler:innen gelesen – natürlich unterbrochen von großzügigen Pausen und einem musikalischen Begleitprogramm. Doch das ist nur ein Programmpunkt unter den fast fünfzig Veranstaltungen des Festivals: Zum Auftakt lädt NDR Kultur zu einer großen Matinee (01.03., Rolf-Liebermann-Studio); Simone Buchholz, Katharina Hagena und Wolfgang M. Schmidt diskutieren u.a. am Beispiel von Siegfried Lenz zu der Ausstellung »Elfenbeinturm und Barrikade. Helmut Schmidt und Siegfried Lenz« (26.03., Lichthof der Stabi) über die gesellschaftliche Relevanz von Literatur in der Gegenwart; zur Buchpremiere von »Am Widerhaken hängt das Glück« (05.03., Buchhandlung Felix Jud) liest Burghart Klaußner aus dem neuen Sammelband mit Texten von Siegfried Lenz; einen literarischen Rundgang über »Lenz & die Ladies« durch die Speicherstadt (16.03.) Anna Magdalena Bössen, und zu einer Wanderung (17.03.) »Auf den Spuren von Siegfried Lenz« laden die Wanderfreunde Hamburg. Auf dem Programm steht dabei auch eine Gegend, in die Siegfried Lenz nie ziehen wollte, wie er in seiner Erzählung »Meine Straße« erzählt. Er hat dann aber doch fünfzig Jahre in der Preußerstraße in Othmarschen gewohnt und dort seine »Haken« geschlagen: »einkaufend, spazierend, Luft schnappend«. Den Weg in die Waitzstraße, vorbei am Bahnhof Othmarschen und zurück durch die Unterführung am Jepweg, nennt er »mein kleines Idiotendreieck«, das ihm zum »Zwangsweg geworden« sei. Mit der großbürgerlichen Wohngegend hat sich der unprätentiöse Lenz lange schwergetan, bis »sogar mehr als Gewöhnung entstanden« ist, »das Gefühl nämlich, zu Hause zu sein«. Eine feine Ironie schwingt in seiner Erzählung über die »Nachbarschaft« trotzdem mit, wenn er den »sahnefarbenen, prestigefördernden Senatorenbunker« erwähnt oder die »Aufnahmestatuten« von Golf- und Segelclubs, die »sich wie der delikateste Kommentar zur Chancengleichheit lesen«.
Für alle, die neugierig geworden sind und weiterlesen möchten, hier noch ein Buchtipp: Günter Berg und Maren Ermisch haben bei Wachholtz das Lesebuch »Siegfried Lenz. Hamburg« herausgegeben, das ein lebendiges Panorama Hamburgs als Bühne der Literatur und als Lebensmittelpunkt von einem der großen Erzähler des 20. Jahrhunderts zeigt.
Das vollständige Programm von »Hamburg liest Lenz« finden Sie hier: hamburgliest.de








