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Freitag 10.04.2026
SEITENSPRÜNGE Festival 2026
Von Springkraut und der Gretchenfrage
Clara Umbach, Foto: Tara Wolff
Es dauert einen Moment, bis man sich in das saloppe, alltagssprachliche Parlando aus Kurznachrichten eingehört hat, in dem die Hamburger Künstlerin und Autorin Clara Umbach ihren Roman »Pizza Orlando« (ecco) über weite Strecken erzählt. Doch dann trägt der ungewohnte Sound flüssig, leicht und sehr direkt durch die bewegende Geschichte einer unbedingten Liebe und all die Anfeindungen des Lebens, denen sie ausgesetzt ist. Es ist ein Höhepunkt und der Auftakt im Reigen der Lesungen des »Seitensprünge«-Festivals, einem Megaevent, das in 30 Lesungen junge Literatur vorstellt, vorwiegend von Autorinnen, von denen viele mit Debüts zu Gast sind.
Schon der Titel »Pizza Orlando« verrät, dass hier ein klassischer Topos der Literatur erzählt wird. Es ist eine Anspielung auf den berühmten Briefroman »Orlando« von Virginia Woolf, der von Woolfs Liebe zu Vita Sackville-West inspiriert ist. Clara Umbach fängt in dem Roman noch eine ganze Reihe weiterer Lektüre- und Musikhinweise ein, zu den Stilelementen gehören auch Fußnoten, Listen und die Dialoge unterbrechende Berichte und Reflektionen. All das zeigt den Versuch, irgendwie einordnen und verstehen zu wollen, was mit ihnen passiert, denn die Wucht, mit der Clara und Nina als Erwachsene urplötzlich ineinander fallen, obwohl sie sich schon seit ihrer Kindheit kennen, diese Unmittelbarkeit, erfahren sie beide als fast schon surreal.
Nach und nach fächert der Roman die erschwerten Bedingungen ihrer Liebe auf: Da ist die unheilbare Krankheit von Nina, die ihre Beziehung prägt, Claras Leben als alleinerziehende Mutter in einer anderen Stadt, der Alltag zwischen Studium und Arbeit, die Sehnsucht nach Verbindlichkeit, das Beieinander ankommen, der gemeinsame Sex, Geldsorgen, Intimes und Banales. All das fügt sich zu einem sehr bewegenden Liebesroman, der schließlich im Garten endet, bei Springkraut, gut gewachsenem Gemüse und mit der Erkenntnis: »mehr ist mehr«.
Das gilt auch für das Programm des »Seitensprünge«-Festivals, das so umfangreich ist, dass hier lediglich kurz einige Programmpunkte vorgestellt werden können: Mit einem tollen Sachbuch gastiert Carla Hinrichs bei dem Festival. Sie erzählt in »Meine verletzte Generation« (Tropen) gleich zum Auftakt davon, wie das ist, wenn die Polizei früh morgens mit einem Einsatzkommando von fast 30 Personen in ein WG-Zimmer stürmt. Die Anklageschrift umfasst 149 Seiten, Hinrichs wird beschuldigt, als Klimaktivistin der »Letzten Generation« eine kriminelle Vereinigung anzuführen.
Einen »radikal feministischen Roman« stellt die österreichische Autorin Bianca Jankovska mit ihrem Debüt »Fuckgirl« (Haymon) bei »Seitensprünge« vor. Im Zentrum steht eine Frau, die in einer einseitig offenen Ehe den Ton angibt. Von einer so radikalen Form der Selbstermächtigung ist die Heldin in der Roadnovel »Grüne Welle« (Diogenes) von Esther Schimmelpelz weit entfernt, sie gerät nach einem Kinobesuch beinahe unbeabsichtigt auf Abwege.
Ein Festivalhöhepunkt ist auch der neue Roman »Wer möchte nicht im Leben bleiben«, in dem sich Helene Bukowski in einer Rekonstruktion aus Briefen und Erinnerungen auf die Spur einer jungen Pianistin begibt, die sich 1985 in Neubrandenburg das Leben nahm. Leon Engler gastiert schließlich mit seinem glänzenden Debütroman »Botanik des Wahnsinns« (DuMont) bei dem Festival, der von einer Familie erzählt, die niemand gern im Lebensgepäck hat, denn sie ist über Generationen hinweg von psychischen Erkrankungen geprägt. Wie lässt sich davon erzählen? Das ist bei allen Lesungen des Festivals die Gretchenfrage – und eine gültige Antwort darauf gibt zum Abschluss die Schauspielerin und Autorin Svenja Liesau mit dem Titel ihres Debüts »Es war nicht anders möglich«. Sie lädt in ihrem Roman zu einer Tour mit einer jungen Frau, die sich in die Welt stürzt und dadurch das Unfassbare zu meistern versucht.
Buchhandlung Heymann in der Karoline, Karolinenstr. 45, Fr. ab 16.00 Uhr, Sa. ab 14.15 Uhr, Tickets jew. € 18,–