Freitag, 23.06.2017


literatur altonale

„book.beat“

Dennis Gastmann
Dennis Gastmann zu Besuch auf dem Schiffsfriedhof in der Wüste in Karakalpakistan, Foto: Dennis Gastmann
Die fünfte Auflage des gefeierten Formats, bei dem sich Literatur und Musik aus Hamburg auf der Theaterbühne treffen, präsentiert zur literatur altonale wieder ein Programm der Extraklasse: Dennis Gastman liest aus seinem „Atlas der unentdeckten Länder“, Andreas Stichmann präsentiert eine Passage aus seinem neuen Roman „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“, Ella Carina Werner, Redakteurin der „Titanic“, liest ein Best-of ihrer satirischen Texte, die Band Veranda Musik spielt alte und neue Songs, die Singer-/Songwriterin Mary Jane Insane Songs ihrer EP „From Epstein to New York“. Moderation: Michael Zimmermann.

literatur altonale im Thalia in der Gaußsstraße, Gaußstr. 190, 19.30 Uhr, 16.-/14.- Euro.


Lesung mit Karl Heinz Bohrer

Die Augenblicke des ganz Fremden

Er gilt als einer der strahlenden Intellektuellen des Landes, ein furioser Denker und streitbarer Exzentriker, der sich um politische Korrektheit wenig schert und seit Jahren immer wieder auch sehr gekonnt provoziert, vor allem wenn es um scheinbar unumstößliche Gewissheiten geht. Mit „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“ ist nach „Granatsplitter“ der zweite Band von Karl Heinz Bohrers autobiographischen Schriften im Suhrkamp Verlag erschienen. In der Freie Akademie stellt er das Buch vor.

„Mein Jetzt“, schreibt Bohrer, „das sind keine Ideen, keine bildungsgeschichtlich vermittelten Gehalte, sondern spirituell vertiefte Aspekte. Es ist das Glück im Erfahren von Differenz, in den Augenblicken des ganz Fremden.“ Die „Fremde“ hat Bohrer, der 1932 in Köln geboren wurde, als bewusste Erfahrung auch in langjährigen Aufenthalten in Frankreich und England gefunden, wo er heute lebt. Zum Motor seiner autobiographischen Geschichte wird jedoch die unbeirrbare Erwartung, dass die banale Gegenwart in das phantastische Jetzt umschlagen kann. Über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg und in neun Kapiteln spielt diese Geschichte auf verschiedenen Schauplätzen: Zu Beginn ist er Literaturchef bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er knüpft Kontakte zu intellektuellen Weggefährten wie Habermas in Frankfurt oder Michael Krüger in München – und geht bald schon als Korrespondent nach London. Anfang der 1980er-Jahre wird er auf den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte der Universität Bielefeld berufen und Herausgeber des „Merkur“. Karl Heinz Bohrer erzählt von diesen Stationen nicht aus der Sicht des allwissenden Zurückblickenden, sondern aus der jeweils zeitlich gebundenen Perspektive, durch die diese intellektuelle Autobiographie auch zu einem spannenden Geschichtsbuch der vergangenen Jahrzehnte wird.

Freie Akademie der Künste und Literaturhaus Hamburg in der Freien Akademie, Klosterwall 23, 19.00 Uhr, 10.-/7.- Euro.


Lesung mit Deborah Feldman

Eine Geschichte, die sich erzählen lassen wird

Deborah Feldman
Deborah Feldman, Foto: Mathias Bothor
Es ist ein schönes Verb, das noch im 19. Jahrhundert gebräuchlich war, mit dem Deborah Feldman ihr soeben neu erschienenes Buch überschrieben hat: „Überbitten“ (Secession Verlag). Im Jiddischen heißt das „Iberbetn“ und bedeutet Versöhnen. Es ist ein innerer Prozess, der in ihrem Buch auf mehreren Ebenen greift und getragen wird von dem machtvollen Impuls der Hoffnung und Sehnsucht, ein neues Leben zu finden. In der Buchhandlung Lüders stellt Deborah Feldman „Überbitten“ vor.

Bei den ultraorthodoxen Satmarer Chassidim, in deren Gemeinde die 1986 in New York geborene Schriftstellerin hineingeboren wurde, ist das Iberbetn ein alltägliches Ritual: Zwei Menschen bitten einander um Verzeihung mit der gegenseitigen Verpflichtung, sich zu versöhnen. Doch die Satmarer Chassidim glauben auch, dass die Shoah eine Strafe für das allzu weltliche Leben der Juden war und führen ein streng reglementiertes und von allen äußeren Einflüssen abgeschirmtes Leben, um Gottes Zorn zu versöhnen. Ehen werden in dieser strengen Welt arrangiert, Sexualität ist ein Tabu, im Alltag wird Jiddisch gesprochen, Englisch gilt als unreine Sprache. Nach Schätzungen zählt die Gemeinde heute 120.000 Mitglieder, sie gewährt ein Netz an Sicherheiten und keinerlei Freiheit.

Vor sieben Jahren ist Deborah Feldman mit ihrem kleinen Sohn aus dieser Enge und einer lieblosen Ehe ausgebrochen. In ihrem Buch „Unorthodox“ (2012), das in den USA zu einem Millionen-Bestseller wurde und auch in Deutschland in den Bestsellerlisten stand, erzählt sie ehrlich, analytisch klug und dabei literarisch höchst anspruchsvoll von ihrer Kindheit und Jugend und ihrer Befreiung von den Fesseln des religiösen Fundamentalismus. „Überbitten“ beschreibt nun den inneren Prozess der Versöhnung jener Person, die Deborah Feldman als Mädchen und Jugendliche war, mit jener, die sich ein eigenes Leben erobert und dafür den Sprung ins Ungewisse wagen muss.

In den ersten Jahren ihrer Abnabelung lebt sie mit ihrem Sohn in New York, doch immer häufiger zieht es sie nach Europa. Auf den Spuren ihrer Vorfahren reist sie nach Paris, Spanien und Ungarn, wo ihre Großmutter einmal zu Hause war, die Auschwitz und das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebte. Deutschland ist die „unvermeidbar letzte Station“ auf ihrer Reise. Gleich nach ihrer Ankunft lernt sie einen „echten Deutschen“ kennen, er heißt Markus und ist „hundertprozentig authentisch, Nachkomme von Nazis“. Mit dieser Begegnung ist nicht nur eine große Auseinandersetzung in Gang gesetzt, Deborah Feldman findet in ihr auch einen Zugang zu einem Land, das ihr bei den Satmarer Chassidim als Inbegriff des Bösen erschienen war.

Am Ende ist es eine Stadt, in die sie sich verliebt: Berlin. Seit 2014 lebt Deborah Feldman dort, und sie hat einen langen Kampf um die deutsche Staatsbürgerschaft ausgefochten. Die „einzelnen Fäden“ haben sich gefügt – für eine Geschichte, die sich erzählen lassen wird. Ihr Buch „Überbitten“ ist ein Anfang für diese Geschichte, eine große Etüde, die das Unmögliche überwindet.

Lüders Buchhandlung + Antiquariat, Heußweg 33, 20.00 Uhr


Literatur in den Häuser der stadt

„32 Tage Juli“

Christoph Schulte-Richtering liest aus seinem Roman „32 Tage Juli“.

Kunstsalon e.V. und markilux im markilux Schauraum, Stilwerk, Große Elbstr. 68, 5. OG, 20.00 Uhr, 22.-/15.- Euro.


Literatur in den Häuser der Stadt

„By a Lady“

Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke präsentieren ihre Biografie „By a Lady: Das Leben der Jane Austen.

Kunstsalon e.V. im Amtsgericht Hamburg, Grundbuchhalle, Sievekingplatz 1, 19.00 Uhr, 22.-/15.- Euro.


altonale

„Sehnsuchtsfenster & Balkontheater“

Zur altonale öffnen sich in ganz Altona wieder die Balkontüren für die vermutlich größte Stadteilperformance in ganz Deutschland: Überall in Altona gibt es unter dem Motto „Altona macht auf“ Lesungen, Musik und Theater von BewohnerInnen. Viele Infos zu der Veranstaltung findet man unter: www.altona –machtauf.de.

Altonale, „Altona macht auf“, in Altona von 17.00 bis 23.00 Uhr. (Weitere Veranstaltung: 28. Juni)


Literatur und Musik

„Frühling, Sommer, Herbst und Günther“

Marco Tschirpke präsentiert Lapuslieder und Gedichte.

Polittbüro. Steindamm 45, 20.00 Uhr, 15.-/10.- Euro.


Literatur in Hamburg