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Dienstag, 03.04.2018


Natascha Wodin und Gilla Cremer

Ungefähre Heimat

Natascha Wodin
Natascha Wodin, Foto: Susanne Schleyer
Natascha Wodin liest in den Hamburger Kammerspielen aus ihrem Buch »Sie kam aus Mariupol«, in dem die großen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts am Beispiel der Familie ihrer Mutter fassbar werden. Das Buch wurde im letzten Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Im Anschluss spielt Gilla Cremer »Einmal lebt ich« nach einem bereits 1989 erschienenen Roman von Natascha Wodin, in dem die Autorin von ihrer Kindheit und Jugend in der westdeutschen Provinz erzählt. Es ist in der Chronologie der Ereignisse die Fortsetzung von »Sie kam aus Mariupol«.

Sie besitzt zwei Fotos von ihrer Mutter, eine Heiratsurkunde, eine Arbeitskarte und eine alte Ikone. Das ist ihr Familienerbe. Dazu kommen einige dürftige Erinnerungen aus Erzählungen, von denen sie nicht mehr weiß, was kindlichen Phantasien entspringt und was der Realität. Natascha Wodin hat sich mit dem Wenigen im Ungefähren ihrer eigenen Bilder und Vorstellungen eine Geschichte ihrer Herkunft geschaffen, bis sie sich zu einer großen Recherche aufmacht, einer Spurensuche im Dickicht ihrer Familiengeschichte wie der großen Zeitläufte des 20. Jahrhunderts.

Als Kind träumt sie davon, einer reichen russischen Fürstenfamilie anzugehören, die Schlösser und Ländereien besitzt. Ihre Eltern, so erzählt sie in der Schule, hätten sie im Straßengraben gefunden und nach Deutschland verschleppt. Die Bewunderung der anderen Kinder für diese phantastische Herkunft hält nicht lange an, dann wird nach der Schule wieder Jagd auf die Russin gemacht, der „Verkörperung des Weltfeindes“ und Stellvertreterin sämtlicher Kommunisten und Bolschewiken weit und breit. Natalja Nikolajewna Wdowina wird 1945 in Fürth geboren, ihre Mutter ertränkt sich 1956 in der Regnitz, sie kommt daraufhin in ein katholisches Mädchenheim, geht später in eine Sprachenschule und ist eine der ersten Dolmetscherinnen, die in den 1970er Jahren für Unternehmen und Kultureinrichtungen in die Sowjetunion reisen. 1983 erscheint im Rowohlt Verlag unter dem Namen Natascha Wodin ihr literarisches Debüt, es folgen mehrere Romane, darunter „Nachtgeschwister“, in dem sie von ihrer Ehe mit dem genialischen Schriftsteller Wolfgang Hilbig erzählt.

Natascha Wodin ist eine vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, als sie in ihrer Schreibwohnung am Schaalsee in Mecklenburg im Sommer 2013 aus „Spielerei“, wie sie schreibt, den Namen ihrer Mutter in eine russische Suchmaschine eingibt und tatsächlich eine Spur findet: Die Website „Azov’s Greek“ verzeichnet eine Jewegenia Jakowlewna Iwaschtschenko, die, wie ihre Mutter, 1920 in Mariupol in der Ukraine geboren wurde. Die längste Zeit ihres Lebens weiß sie nicht einmal, dass sie ein Kind von Zwangsarbeitern ist, jetzt öffnet sich für Natascha Wodin die Blackbox ihrer Herkunft und offenbart eine weitverzweigte und prominente Familiengeschichte. Es ist tatsächlich ihre Mutter, die auf „Azov’s Greek“ erwähnt wird, wie ihr Konstantin, der das Forum für griechischstämmige Ukrainer betreibt, bald bestätigt.

Im ersten Teil des Buches erzählt Natascha Wodin von den Höhen und Tiefen ihrer gemeinsamen Suche, bei der sich gleich zu Anfang zeigt, dass ihre kindlichen Phantasien über ihre Familie fast der Realität entsprachen: Ihr Urgroßvater war ein adeliger Großgrundbesitzer, ihr Großvater ein Jurist und früher Bolschewist, ihre Großtante eine bekannte Intellektuelle, ihr Onkel ein berühmter Opernsänger, es ist eine multikulturelle Familie aus Kaufleuten, Intellektuellen und Künstlern, die in den Mühlen der russischen Revolution, im 2. Welt-krieg und im Stalinismus zerrieben wird. Kaum jemand stirbt eines natürlichen Todes, Wodin will von den „finsteren, haltlosen Liebes-, Hass- und Wahnsinnsgeschichten“ irgendwann nichts mehr hören und fragt sich frustriert: „Was ging mich das alles an, das sowjetische und das post-sowjetische Fiasko, (…) das Nichtaufwachenkönnen aus einem kollektiven Albtraum, das Gefangensein zwischen Untertanentum und Anarchie, zwischen Leidensgeduld und Gewalt, diese ganze unaufgeklärte, finstere Welt, diese Familiengeschichte aus Ohnmacht, Besitzergreifung, Willkür und Tod (…)?“
Das Leben ihrer 1920 mitten in den Bürgerkrieg hineingeborenen Mutter, von dem Wodin vor allem erzählen wollte, wird ihr nur fassbar, indem sie aus dem Umfeld der Mutter erzählt. In einer grandiosen Binnenerzählung geht es im zweiten Teil des Buches um die 1911 geborene Schwester der Mutter, die sich als Studentin einer konspirativen Gruppe anschließt, verhaftet und in ein Straflager deportiert wird. Im dritten, wieder eher dokumentarischen Teil erzählt Wodin vom Schicksal der Zwangsarbeiter, die nach Deutsch-land verschleppt wurden, darunter ihre Eltern. Nach Kriegs-ende leben sie für mehrere Jahre in einem Schuppen in Nürnberg, bevor sie in ein Lager für Displaced Persons eingewiesen werden. Es ist die erste ungefähre Heimat, an die sich Natascha Wodin selbst erinnert.

Mit ihrer bravourös zwischen Bericht und Erzählung, zwischen Privatem und Historischem changierenden Familiengeschichte gelingt es Natascha Wodin, die großen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts für ihre Leser erfahrbar zu machen. Gleichzeitig ist „Sie kam aus Mariupol“ ein Geschenk an ihre Mutter und eine späte Aussöhnung mit einem Schicksal, für das die Geschichte keine Erinnerung vorgesehen hatte. In diesem Buch ist sie als große literarische Gedächtniskunst geborgen.

Hamburger Kammerspiele, Hartungstr. 9–11, 19.30 Uhr, € 10,– bis 43,– Weitere Vorstellung: 04.04., 19.30 Uhr.


Lesung mit Peter Stamm

In nächster Nähe so fern

Peter Stamm
Peter Stamm, Foto: Ludovic Péron, Wikipedia
Peter Stamm gilt als so brillanter Erzähler, weil es ihm gelingt, in nur wenigen Sätzen und mit großer Suggestivkraft eine ganze Welt zu eröffnen, die seine Leser sofort gefangen nimmt – oft für eine Liebesgeschichte, die er auch in seinem neuen Buch erzählt. Doch vor allem geht es in »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt« um die Frage, wie wir werden, was wir sind. Und um eine unheimliche Begegnung mit dem eigenen Ich, die dem romantischen Versuch vorausgeht, das Schicksal nachträglich auf eine andere Spur zu locken. Peter Stamm stellt seinen neuen Roman im Literaturhaus vor.

Er begegnet ihm zum ersten Mal bei einer Lesung aus seinem Romandebüt in dem Dorf, in dem er aufgewachsen ist, verliert ihn wieder aus den Augen, dann sieht er ihn bei einer Vorlesung an einer Universität wieder, bei der er als Gastautor eingeladen ist. Er macht seine Adresse ausfindig und folgt ihm bald ständig, seinem jüngeren Ich, das ihm in nächster Nähe so fern ist, wie es nur ein Doppelgänger sein kann.
Erzählt wird uns von diesen Begegnungen bei einer Stadtwanderung in Stockholm, die Christoph mit der sehr viel jüngeren Lena unternimmt, der Wiedergängerin seiner großen Liebe Magdalena. Mit ihr leuchtet er den Möglichkeitsraum seines Lebens aus. Zuerst als sehr alter Mann, dem die junge Geliebte vielleicht auch nur als Traumgespinst erscheint oder als Abschiedsphantasie des Lebens. In Stockholm erzählt er ihr sein Leben, das untrennbar mit ihrem verbunden ist, obwohl er sie vor vielen Jahren verlassen und aus den Augen verloren hat. Chris, sein jüngeres Ich, findet mit Lena dagegen in einer anderen Verkettung von Zufall und Bestimmung sein Glück. Was auch immer das in diesem romantischen Kosmos bedeuten mag, der irgendwo zwischen der Wirklichkeit schwebt und diesem Tisch der Sehnsucht, der nie leer wird.

Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, € 12,–/8,–


Literaturclub

»Schöne Verhältnisse«

Ein autobiographischer Roman von Edward St Aubyn von 1992 über die Hölle einer Kindheit in einer der ersten Familien Englands steht auf dem Programm des Literaturclubs im Gewerkschaftshaus. Moderation: Brigitte Neumann.

Im Klub, Besenbinderhof 62, 19.30 Uhr, € 5,–


Lesebühne

»Liebe für alle«

Kurzgeschichten, Satiren, Lieder, Cartoons und ganz viel Liebe mit Katrin Seddig, Ella Carina Werner, Piero Masztalerz und Anselm Neft. Zu Gast bei der Lesebühne ist Björn Högsdal.

Grüner Jäger, Neuer Pferdemarkt 36, 19.30 Uhr, € 5,–


Poetry Slam

Mathilde-Slam

Unter einem vorgegebenen Motto präsentieren beim Poetry-Slam mit der Lesebühne »Längs« im »Mathilde« Autorinnen und Autoren in höchstens 5 Minuten Lesezeit einen eigenen Text. Der Publikumssieger darf sich über eine Flasche »Tullamore Dew« freuen und startet beim nächsten Slam auf Platz 1. Auf die Bühne können nur 10 Autoren. Wer lesen möchte, sollte früh da sein oder sich anmelden (www.mathilde-hh.de).

Mathilde – Literatur und Café. Bogenstr. 5, 20.15, € 5,–. (Für Vorlesende frei.)