Donnerstag, 05.11.2020


Benjamin Maack erzählt von seiner Depression

Wenn das Ich plötzlich verloren geht

Benjamin Maack
Benjamin Maack, Foto: Heike Steinweg, Suhrkamp Verlag
Sein zuletzt erschienener Erzählband »Monster« (2012) wurde gleich mehrfach für seine »wirklich brillanten Geschichten« (WDR) ausgezeichnet, 2013 erhielt er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den 3sat-Preis für seinen Text »Wie man einen Käfer richtig fängt«, zuletzt wurde er 2016 mit dem Förderpreis zum Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet. Gleichzeitig kletterte Benjamin Maack als Journalist auf der Karriereleiter nach oben, bis er völlig unvermittelt gleich mehrere Gänge zurückschalten musste. Sein neues Buch »Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein« (Suhrkamp Verlag) erklärt, warum: Es ist das berührende Protokoll einer Depression, hoch poetisch und von stupender literarischer Raffinesse und Vielgestaltigkeit.

Als Hans sich nach einem langen Aufstieg mit anderen Touristen endlich allein mit seinem Führer auf dem Weg in den Kibo-Krater des Kilimandscharo-Massivs im Nordosten von Tansania befindet, hofft er auf eine einsame Kraternacht. Sie soll ihn nach Jahrzehnten endlich ein für allemal von einem großes Liebesversagen befreien, das ihm bei einer Afrikareise mit seiner damaligen Verlobten wiederfahren ist. Doch dann steht der weltoffene und feinsinnige Hamburger einem »Kerl« gegenüber, der ihn mit einem kernigen »lecko mio« im Krater begrüßt, ihn sogleich »Hornbrillenwürschtl« und wegen des um seinen Kopf gewickelten Tuchs »Windelhansi« nennt. Auch sonst nimmt dieser Tscharli aus Miesbach in Oberbayern, wie sich schnell herausstellt, kein Blatt vor den Mund, obwohl oder vielleicht auch, weil er selbst eher eine halbe Portion ist.

Seine Sprache, sein Verhalten, seine Ansichten, so ziemlich alles an diesem Tscharli ist mindestens ein Affront und strenggenommen viel schlimmer, wie Hans später einmal feststellt. Will man mit so einem befreundet sein? Bestimmt nicht. Dennoch werden die gemeinsame Nacht im Krater und ein rasanter Abstieg zum Ausgangspunkt einer Grand Tour der beiden Helden. Sie ist gespickt mit absurden Begegnungen und aberwitzigen Abenteuern, für die vor allem der charismatische Tscharli sorgt. Der allseits bekannte »King of Fulalu«, »Mister Bombastic« und »Big Simba« dreht eine Abschiedsrunde durch sein Afrika und will es dabei nochmal so richtig krachen lassen, schließlich weiß er nur zu genau: »Wo’s viel Sonne gibt, gibt’s etwas später große Untergänge«.

Über alle weltanschaulichen Gegensätze, dieses Geflecht aus Meinungen und Verortungen hinweg, das die Gesellschaften der westlichen Welt derzeit spaltet, entwickelt sich zwischen Hans und Tscharli eine tiefe Freundschaft. Dass dafür so manches allzu menschliche Vorurteil auf den Prüfstand muss, versteht sich von selbst, wird aber immer nebensächlicher. Was den beiden Helden keiner nehmen kann und sie am Ende zusammenschweißt, ist die Erfahrung einer großen und doch tragischen Liebe. Für sie finden Hans und Tscharli in ihrer Begegnung zum ersten Mal die richtigen Worte, und ihr Leben justiert sich in einem größeren Horizont befreiend neu.

Buchhandlung Christiansen in der Christianskirche am Klopstockplatz in Ottensen, Tickets gibt es für € 10,– in der Buchhandlung Christiansen

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»Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein« - NDR Kultur-Hörspiel von Benjamin Maack

Suhrkamp Verlag


Lesung

»Im Exil«

Der Schauspieler Ben Becker präsentiert in einem Zyklus aus drei für sich stehenden Lesungen (05., 06., 07.11.) Auszüge aus den Werken von Joseph Roth. Der 1894 in Brody, einem Schtetl in Galizien, geborene Schriftsteller wurde in den 20er Jahren als Journalist für große deutschsprachige Zeitungen bekannt und erreichte bald auch ein begeistertes Publikum mit seinen Romanen, von denen mehrere in Tageszeitungen im Vorabdruck erschienen. Als Roths bedeutendster Roman gilt heute »Radetzkymarsch« (1932), den der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu den 20 wichtigsten Romanen in deutscher Sprache zählte. In den letzten Jahren wurden allerdings auch seine im Exil in Paris seit 1933 entstandenen Feuilletons (»Pariser Nächte«,und seine Reportagen und Berichte von seinen »Reisen in die Ukraine und nach Russland« (beide C.H. Beck) als Höhepunkte der Prosa des 20. Jahrhunderts gefeiert und erreichten ein großes Lesepublikum.

St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29-30, 19.30 Uhr, € 36,90 und € 41,90


Lesung

»Vermessene Zeit. Der Wecker, der Knast und ich«

Ingrid Strobl liest aus ihrem in der Edition Nautilus neu erschienenen Buch, in dem sie von ihrer Verurteilung wegen eines Sprengstoffanschlags der »Revolutionären Zellen« 1989 erzählt. Sie hatte den Wecker gekauft, der als Zeitzünder für den Anschlag auf ein Lufthansagebäude verwendet worden war. In ihrem Buch erzählt sie von ihren Hafterfahrungen, reflektiert aber auch ihre individuelle Verantwortung und fragt nach den Motiven und der Legitimation von Widerstand und Gewalt.

Buchladen Osterstraße, der Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben, 20.00 Uhr, € 7,–, Reservierungen an info@buchladen-osterstrasse.de


14. Hamburger Krimifestival

»Der Tote vom Elbhang«

Anke Küppers liest aus ihrem Krimidebüt

Kampnagel, Halle KMH, Jarrestr. 20, 18.00 Uhr, € 13,–, krimifestival-hamburg.de.de


14. Hamburger Krimifestival

»Ein Japaner in Hamburg und die Vorhölle von Friedberg«

Henrik Siebold liest aus seinem Krimi »Inspektor Takeda und das doppelte Spiel«, Rudolf Ruschel stellt seinen Krimi »Ruhet in Friedberg« vor.

Kampnagel, K1, Jarrestr. 20, 19.00 Uhr, € 16,–, krimifestival-hamburg.de


14. Hamburger Krimifestival

»Ohne Schuld«

Charlotte Link liest aus ihrem neuen Thriller.

Literaturhaus, Buchhandlung Heymann und Hamburger Abendblatt auf Kampnagel, K6, Jarrestr. 20, 20.00 Uhr, € 22,–, krimifestival-hamburg.de


Lesung

»Kafkas Amerika«


Vera Rosenbusch und Lutz Flörke präsentieren »ein literarisches Road-Movie aus dem Land der einst unbegrenzten Möglichkeiten« nach Franz Kafkas Roman »Der Verschollene«.

Kunstklinik, Martinistr. 44a, 19.00, € 13,–/11,–, Kartenreservierung unter Tel. 040–780 50 400 per E-Mail an karten@kunstklinik.hamburg.de