Mittwoch, 09.07.2025
Buchvorstellung und Gespräch
Die Sache mit der Wut
Johannes Franzen, Foto: Marion Koell
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, de gustibus non est disputandum, so heißt es schon seit der Antike. Richtig ist allerdings auch, dass über kaum etwas anderes trotzdem so unerbittlich gestritten wird als über Fragen des Geschmacks. Und dabei geht es keineswegs um Kleinigkeiten. Ein prominentes Beispiel erzählt Johannes Franzen gleich zum Auftakt von »Wut und Wertung«: Im Mai des Jahres 1848 eskaliert in New York ein Streit, der sich an einer Aufführung von Shakespeares »Macbeth« entzündete und als Astor Place Riot in die Geschichte einging. Auslöser war die Besetzung der Titelrolle durch einen Schauspieler, der eher von den Eliten geschätzt wurde als von der breiten Bevölkerung, die dagegen plötzlich auf die Barrikaden ging. Der Konflikt forderte am Ende 25 Tote und über 100 Verletzte.
Auf den ersten Blick denkt man, dass derartige Klassenkonflikte weit von dem entfernt sind, was uns heute umtreibt, doch Johannes Franzen weist in seinem »Streifzug durch die Konfliktzonen der Gegenwartskultur« das Gegenteil nach. In den letzten Jahren und im Zuge der Digitalisierung wird ganz besonders erbittert über Kultur gestritten. Ihr enormes Konfliktpotenzial leitet Franzen daraus ab, dass sie uns im Innersten berührt, unsere ästhetischen Vorlieben und Abneigungen sind ein zentraler Bestandteil unserer »sozialen Selbsterzählung«. Entsprechend sind die Reaktionen: »Wer die Kunst angreift, die wir lieben, der attackiert den Kern dessen, was wir sind.« Und muss damit rechnen, dass bei Kritik oder Missfallen die Fetzen fliegen. Die gute Nachricht daran ist ein Nebenaspekt von »Wut und Wertung«: Johannes Franzen weist akribisch nach, welch hohen Stellenwert die Kultur hat. Ihre Konflikte und die enorme Lust am Streit, der »ästhetische Nahkampf, der im Alltag passiert« sind so etwas wie der Kraftstoff, von dem der Motor der Kulturgeschichte angetrieben wird.
Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, € 16,–/12,–, Streaming: € 6,–
Vortrag
»Schwindende Zukunft«
Vortrag von Eva Stubenrauch über »Literarische Erwartungshorizonte seit 1800«.Goethegesellschaft Hamburg im Warburg-Haus, Heilwigstr. 116, 19.00 Uhr, € 10,–
Poetry Slam
Diary Slam
»Seelenpein« und »Hochgefühle«, »Liebesschwüre« und »Selbstmordgedanken« von »wildfremden Menschen«, all das und noch viel mehr steht auf dem Programm des Tagebuch-Slams.Grüner Jäger, Neuer Pferdemarkt 36, 20.00 Uhr, € 10,–
Tamar Noorts neuer Roman »Der Schlaf der Anderen«
Wie Träume wahr weren
Tamar Noort, Foto: Tara Wolff
Friederike Gräffs neuer Erzählband
Frau Kleinhans hebt ab
Friederike Gräff, Foto: Julia Baier
Johannes Franzens Studie »Wut und Wertung«
Die Sache mit der Wut
Johannes Franzen, Foto: Marion Koell
Jonas Lüschers »Verzauberte Vorbestimmung«
Von Menschen und Maschinen
Jonas Lüscher, Foto: Peter Hassiepen
Rachel Kushners neuer Roman »See der Schöpfung«
Pfade des Widerstands
Rachel Kushner, Foto: Gaby Laurent
Rebekka Franks neuer Roman »Stromlinien«
Vom Gewicht des Schweigens
Rebekka Frank, Foto: Lexa Rost
Kristine Bilkaus neuer Roman »Halbinsel«
Nimm dich da raus
Kristine Bilkau, Foto: Thorsten Kirves
Die 19. Ausgabe des Hamburger Literaturjahrbuchs ZIEGEL
Das Pappreptil beißt lautlos zu
Illustration von Moritz Wienert aus dem ZIEGEL #19 © Moritz Wienert
Annika Büsings neuer Roman »Wir kommen zurecht«
Wie es mit geistern so ist
Annika Büsing, Foto: Lauree Thomas
Steffen Kopetzkys neuer Roman
Unter dem Bann des Atoms
Steffen Kopetzky, Foto: Jana Mai
Katharina Hagenas Roman »Flusslinien«
Die Wolken immer im Blick
Katharina Hagena, Foto: Heike Steinweg
Ella Carina Werners »Feministische Tiergedichte«
Existenzielle Fragen aus dem Tierreich
Ella Carina Werner, Foto: Julia Schwendtner
Der neue Roman von Wolf Haas
Eine vertrackte Angelegenheit
Wolf Haas, Foto: Heike Huslage-Koch
Dmitrij Kapitelmans »Russische Spezialitäten«
Den Bruderkuss üben
Dmitrij Kapitelman, Foto: Paula Winkler
Julia Schochs Roman »Wild nach einem wilden Traum«
Herzensangelegenheiten
Julia Schoch, Foto: Jürgen Bauer
Ursula Krechels Roman »Sehr geehrte Frau Ministerin«
Mutter ist die beste
Ursula Krechel, Foto: Heike Steinweg
Andreas Reckwitz´ »Verlust - Ein Grundproblem der Moderne«
Auf der Schattenseite des Fortschritts
Andreas Reckwitz, Foto: Jürgen Bauer
Heinz Strunks »Zauberberg 2«
Die endlos strapazierte Hoffnung
Heinz Strunk, Foto: Dennis Dirksen
Der neue Roman von Olga Grjasnowa
»Juni, Juli, August«
Olga Grjasnowa, Foto: Benner
Richard Powers neuer Roman »Das große Spiel«
Ein ozeanisches Vergnügen
Richard Powers, Foto: Mike Belleme
Gaea Schoetters neuer Roman »Trophäe«
Ein folgenschwerer Deal
Gaea Schoeters, Foto: Sébastien Van Malleghem
David Wagners neuer Roman »Verkin«
Ein Erzählparadies zwischen Orient und Okzident
David Wagner, Foto: Linda Rosa Saal
Behzad Karim Kanis neuer Roman »Als wir Schwäne waren«
Die Wahrheit über Schwäne
Behzad Karim Khani, Foto: Valerie Benner
Mia Rabens Romandebüt »Unter Dojczen«
Das Paket Jola
Mia Raben, Foto: Kathrin Spirk
Jose Dalisays Roman »Killing Time in a Warm Place«
Das kalte Lächeln der Disziplin
Jose Dalisay, Foto: Anvil Publishing
Wolfram Eilebergers »Geister der Gegenwart«
Das Ideenpanorama der westlichen Nachkriegszeit
Wolfram Eilenberger, Foto: Annette Hauschild
Der neue Erzählband von Saša Stanišic
Realität, Täuschung und Illusion

Saša Stanišic, Foto: Katja Sämann
»Herzflorett« von Marica Bodrožic
Die Magie des Innehaltens
Marica Bodrožic, Foto: Peter von Felbert
Nora Bossongs neuer Roman »Reichskanzlerplatz«
Was ihr seid, das waren wir
Nora Bossong, Foto: Heike Steinweg, Suhrkamp Verlag
Andrew O´Hagan neuer Roman »Caledonian Road«
Geschichte eines Niedergangs
Andrew O´Hagan, Foto: Tricia Malley Ross
Rachel Cusks neuer Roman »Parade«
Das Denken auf den Kopf stellen
Rachel Cusk, Foto: Suhrkamp Verlag
Arno Geigers neuer Roman »Reise nach Laredo«
Eine endlose Geschichte
Arno Geiger, Foto: Heribert Corn
Miranda Julys Roman »Auf allen Vieren«
Mitten ins Herz
Miranda July, Foto: Elizabeth Weinberg
Die Anthologie »Kafka gelesen«
Mit Odradek in die Zukunft
Franz Kafka, 1923, Foto: gemeinfrei
Melanie Möllers Buch »Der entmündigte Leser«
Streitschrift für die Freiheit der Literatur
Melanie Möller, Foto: privat
Caroline Wahls Roman »Windstärke 17«
Das ausrastende Herz
Caroline Wahl, Foto: Frederike Wetzels
Dana von Suffrins Roman »Nochmal von vorne«
Die Struktur verstehen
Dana von Suffrin, Foto: Tara Wolff








