Dana Vowinckels neuer Roman »Anton und Alma«

Für jede Sekunde des Lebens

Dana Vowinckel
Dana Vowinckel, Foto: Max Zerrahn
Schon für ihren brillanten Debütroman »Gewässer im Ziplock« (2023) wurde Dana Vowinckel mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Mara-Cassens-Preis des Hamburger Literaturhauses. In diesem Herbst ist nun »Anton und Alma« (Suhrkamp) erschienen, ein herausragender Gegenwartsroman, nominiert für den Deutschen Buchpreis und ein großes Leseerlebnis.

Es beginnt mit einer unspektakulären Liebesgeschichte, die sich bei Alma schon bei einem Schüleraustausch in der Bretagne ankündigt. Von einer kurzen Begegnung mit Anton erfährt man da gleich im ersten Absatz des kurzen Prologs, »dass sie in seinen Körper einfallen wollte, dass sie jede Sekunde ihres Lebens damit verbringen könnte, in ihn hineinzufallen.« Anton wird sich später daran erinnern, wie abweisend er der Vierzehnjährigen gegenüber war, und dass er ihre Kleidung »prollig gefunden hatte«, während seine WhatsApp-Profilbilder noch lange im Leben von Alma aufpoppen. Viele Jahre später treffen sie sich bei einer Studentenparty in Berlin wieder und stellen schnell fest, wie wenig sie verbindet. Anton kommt aus einer jüdischen Akademikerfamilie, Alma ist in kleinbürgerlichen Verhältnissen am Stadtrand aufgewachsen, ein »Papakind«, dessen Vater früh stirbt und das dann mit einem ungeliebten Stiefvater in einer Familie groß wird, in der sie sich fremd fühlt. Es braucht mehrere Anläufe, bis die beiden sich endlich finden und man folgt ihnen atemlos. Aber warum?

»Ich komme aus einer Familie, wo meine Großeltern und Urgroßeltern väterlicherseits amerikanische Juden sind und meine Urgroßeltern mütterlicherseits Nazis«, hat Dana Vowinckel vor einigen Jahren in einem Interview für die »Jüdische Allgemeine« berichtet. In ihrem Roman gibt sie diese komplizierte Herkunftsgeschichte der Liebe von Anton und Alma auf, und natürlich ist es spannend zu erfahren, wie sie damit umgehen. Zuerst spielt das in ihrem Lebensalltag zwischen Bett, Küchentisch und Universität keine so große Rolle, doch das ändert sich bald. Mit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem Gaza-Krieg rauscht ein zentraler Konflikt unserer Zeit in ihr Leben. Es ist grandios, wie Dana Vowinckel die verstörenden Nachrichten und die sich nach und nach polarisierenden Stimmungen und Diskurse an die Liebesgeschichte von Anton und Alma andockt, wie sie Tempi setzt, lakonische Zwischenbemerkungen raushaut, wie punktgenau, treffend und witzig viele der Dialoge gesetzt sind. Eine meisterhafte Erzählerin.

Warum gehen Liebesgeschichten, fragt man sich nach dieser aufwühlenden Lektüre, eigentlich nie gut aus? Vielleicht einfach nur, weil die glückliche Liebe keine Geschichte hat´, »Anton und Alma« aber haben eine Geschichte. Und was für eine!

Dana Vowinckel, »Anton und Alma«, Suhrkamp, € 26,–

29.09.2026 | Jürgen Abel