Deniz Ohdes Romadebüt »Streulicht«

Geschichte einer Ausgrenzung

Deniz Ohde
Deniz Ohde, Foto: Heike Steinweg, Suhrkamp Verlag
Gleich mehrere Romandebüts aus der deutschsprachigen Literatur thematisieren in diesem Jahr ein lange bekanntes, gesellschaftliches Problem in Deutschland, sie erzählen von sozialer Ausgrenzung, von Abwertung und Perspektivlosigkeit. Da ist Cihan Acar mit »Hawaii« (Hanser Berlin), dessen junger Held desillusioniert und voller Sehnsucht nach Teilhabe durch Heilbronn streift. Da ist der beim Harbour Front Literaturfestival mit dem Klaus-Michael Kühne-Preis ausgezeichnete Christian Baron mit seinem Debüt »Ein Mann seiner Klasse« (Ullstein). Er erzählt in seinem autobiografischen Roman von einer kaputten Familie im subproletarischen Milieu in Kaiserslautern. Und da ist Deniz Ohde, die es mit ihrem Debüt »Streulicht« bis auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis brachte.

Es ist kein schöner Ort, an den die Ich-Erzählerin in Deniz Ohdes Roman an einem sonnigen Wintertag zur Hochzeit ihrer Kindheitsfreunde nach Hause zurückkehrt. Er befindet sich am Main in der Nähe von Frankfurt und in direkter Nachbarschaft zu einem Industriepark, der dreimal so groß ist wie der Ort selbst. Ihr Vater hat dort 40 Jahre tagaus und tagein in derselben Firma Aluminiumbleche gebeizt. Industrie- schnee markiert die Grenzen des Ortes, und es liegt stets ein Geruch nach »feiner Säure« in der Luft.

Gleich als die junge Erzählerin den Ort betritt, setzt sie eine Miene »ängstlicher Teilnahmslosigkeit« auf, die ihr in mehrfacher Hinsicht von ihrem Vater, einem Messi und Alkoholiker, eingeimpft wurde. In den Jahren schwerer, auch handgreiflicher Abstürze des Vaters ist das Leisesein ihre Überlebensstrategie zu Hause, und es soll bewirken, dass man sie auf der Straße und in der Schule übersieht. Bloß nicht auffallen, das ist auch die Devise der aus der Türkei nach Deutschland emigrierten Mutter, eine eigentlich patente Frau, die ihrem Mann und seinen Beschädigungen jedoch so hilflos ausgeliefert ist wie ihre Tochter. Diese fatale Familiendynamik trifft bald schon auf eine strukturelle Diskriminierung und Ausgrenzung, die sich in bestürzender Konsequenz in die Bildungsbiografie des begabten Arbeiterkindes mit Migrationshintergrund einschreibt.

Deniz Ohde erzählt diese Geschichte schnörkellos direkt, immer wieder auch wütend, nicht frei von Pathos und gelegentlich »trotziger Schiefheit« (»Frankfurter Rundschau«) der Bilder, aber mit einem hoch differenzierten Blick auf ihre Figuren. Sogar der Vater darf der Tochter, als sie sich abrupt wieder auf- und davonmacht, noch versöhnlich hinterher rufen: »Wenn’s nichts wird, kommst wieder heim.« Da hat sie sich allerdings längst schon in einem anderen Leben eingerichtet.

Deniz Ohde stellt »Streulicht« am 25. April vor.
Literaturzentrum im Literaturhaus Hamburg, 17.00 Uhr, € 7,–/5,–, Anmeldung unter Tel. 040-2279203


Deniz Ohde, »Streulicht«, Suhrkamp, € 22,–.
28.11.2020 | Jürgen Abel