Dörte Hansens neuer Roman »Broder«
Brachvögel, die nach alten Seelen rufen
Das Zusammenspiel von Naturgeschichte und jahrhundertelanger menschlicher Arbeit, das die Kulturlandschaften des Nordens geprägt hat, ist in den Romanen von Dörte Hansen ein wiederkehrendes Motiv. In »Broder« erzählt sie einen Jahresreigen, der kongenial von Naturbildern begleitet wird, die die raue Schönheit der kargen Landschaft an der Nordsee einfangen. Der Reiher, den das Cover des Romans mit einem Fisch im Schnabel zeigt, taucht gleich zu Beginn als »schlecht gelaunter Frühlingsbote« auf. Broder Bahnsen wohnt mit seiner Frau Marie-Claire, einer Künstlerin, ganz in der Nähe einer Reiherkolonie. Das Zetern und Kreischen der Tiere »ist Musik in seinen Ohren«, weil es den Jahreszeitenwechsel ankündigt und das Ende der »Brachezeit«. Es zieht sich als Rezitativ durch den gesamten Roman.
Der Romantitel »Broder«, der im Plattdeutschen auch »Bruder« bedeutet, deutet nicht nur auf den Protagonisten selbst hin, sondern auch auf seinen Zwilling Henning. Die beiden Brüder sind sich äußerlich so ähnlich, dass nicht einmal ihr Vater sie als Kinder immer sicher auseinanderhalten kann. Den Hof kann jedoch nur einer übernehmen, und das ist am Ende Henning.
Der Diplom-Ingenieur bringt Verstand für Technik und Maschinen mit und hat einen Plan für einen »Milchbetrieb der Zukunft«. Broder, der Zwilling mit dem »Tierverstand«, verlässt daraufhin Hof und Heimat. Zwanzig Jahre später kehrt er nach einem Schicksalsschlag, durch den die Familie ihn braucht, als Landtierarzt zurück. Aus dem Familienbetrieb ist ein hochmoderner Milchviehhof geworden, sein Bruder Henning gilt als einer jener Erfolgsbauern, die den Strukturwandel gemeistert haben.
Tiere sind in dem Roman allgegenwärtig: »Ein Pferd, das sich an einem Stacheldraht verletzt hat. Ein Kalb, das im Geburtskanal feststeckt. Eine Färse, die nicht trächtig wird. Und der Bulle mit der Klauenfäule (…).« Der Alltag von Broder Bahnsen als Nutztierarzt ist die zentrale Perspektive, aus der Dörte Hansen zeigt, was moderne Landwirtschaft heute bedeutet. Ergänzt wird sie durch seine Schwägerin, die Bäuerin Ellen, und seinen Vater, den Altbauern Paul, dessen Leitmotto »Ertrag kommt von Ertragen« auf seinem Hof seit Generationen für Menschen wie Tiere galt. Doch was bedeutet es, wenn Wirtschaftlichkeit zum Maß aller Dinge wird? Welche Folgen hat es, wenn Wachstum die alles bestimmende Logik in einem Kuhstall ist?
Die Tragweite dieser Frage im Spannungsfeld von Tradition und Fortschritt auf einem Bauernhof wird spätestens dann deutlich, wenn einmal wieder Hunderte von demonstrierenden Landwirten mit ihren Treckern vor dem Brandburger Tor stehen. »Broder« ist ein hochaktueller Gesellschaftsroman, der am Beispiel eines bäuerlichen Familienbetriebs einen zentralen Gegenwartsdiskurs durchspielt und ihn am Ende auch beantwortet. Der Wachstumslogik begegnen die Töchter von Broder und Henning auf ganz andere Weise als es ihren Vätern möglich war: Sie setzen ihr eine Ethik entgegen, die nicht nur nach dem unmittelbaren Nutzen fragt. Wie weit sie damit kommen, lässt der Roman offen. Sehr zuversichtlich scheint der Landtierarzt Broder am Ende zu sein, die Reiherkolonie wird »Jahr für Jahr ein bisschen kleiner« und die Landmaschinen schwerer, die im Herbst »auf dem Feldweg über wilde Äpfel fahren«.
Dörte Hansen, »Broder«, Penguin, € 26,–
29.09.2026 | Jürgen Abel


