Eshkol Nevos neuer Roman »Die Wahrheit ist«

Eine mögliche Liebe

Maren Kames
Eshkol Nevo, Foto: Bogenberger Autorenfotos
Er gibt vor, die Wahrheit zu erzählen. »Schluss mit den Lebenslügen« steht in großen schwarzen Lettern auf dem Buchrücken und vorne drauf heißt es: »Die Wahrheit ist« (dtv). Tja, nur was, das ist hier die Frage.

Der israelische Schriftsteller Eshkol Nevo hat mit dem Interview für seinen neuen Roman eine Form gewählt, die zwar vorgibt, der Wahrheit verpflichtet zu sein, sie schlägt ihre Funken aber daraus, dass sie die Wirklichkeit frisiert – oder schlicht vortäuscht. Nevo nährt seinen gesamten Roman hindurch die Vorstellung, dass all das, was er erzählt, gelebt wurde. Verbürgt durch Erfahrung. Das ist der Garant seiner Geschichte und von der ersten Seite an auch für gute Literatur, die glänzend unterhält.
Natürlich ist das ein Trick, man weiß es an jeder Stelle, die man in diesem Roman liest, obwohl der Autor immer wieder betont, »die Wahrheit zu erzählen«, mit allem aufzuräumen, um sein Leben und die Liebe seiner Frau wiederzugewinnen. Dabei beginnt es ausgesprochen banal: »Haben Sie schon immer gewusst, dass Sie Schriftsteller werden wollen?« Das ist eine dieser typisch schmalspurigen Leserfragen. Eshkol Nevo beantwortet sie so beiläufig elegant mit den »Selbstbefriedigungsfantasien«, die ihn in seiner Pubertät beschäftigten, dass man nach noch nicht einmal einer Seite mittendrin ist in diesem Romangeschehen. Da ist einer »im freien Fall«, wie er kurz darauf erklärt, sein Name ist Eshkol Nevo, er ist ein Enkel des dritten israelischen Ministerpräsidenten Levi Eshkol, wurde 1971 in Jerusalem geboren, hat Psychologie studiert und als Werbetexter gearbeitet, bevor er mit seinen Büchern international bekannt wurde. Jetzt steckt er in einer Dauerkrise, er leidet an »Dysthymie«, was bedeutet: an »auf kleiner Flamme schmorenden Missstimmungen«, und an einer akuten Schreibhemmung leidet er auch. An dem Vorsatz, an seinem nächsten Roman weiterzuschreiben, scheitert er Tag für Tag aufs Neue, was er noch hinkriegt, ist »ein bisschen« auf Leserfragen zu antworten, die ihm ein Onlineredakteur geschickt hat. Diese Antworten halten wir in Form des Romans »Die Wahrheit ist« nun in den Händen, und sie fächern sein ganzes Leben auf.
Entlang eines Kanons aus Fragen wie »Träumen Sie von Ihren Figuren?«, »Sind Sie für die Zwei-Staaten-Lösung?« oder auch »Was wissen die Leute nicht über Sie?« erfahren wir in oft nur kurzen Episoden nach und nach, was passiert ist: Seine älteste Tochter ist aus der Enge des Familienlebens ins Internat geflüchtet, seine Frau Dikla hat sich von ihm distanziert und ist auf dem Sprung, sich von ihm zu trennen, sein bester Freund Ari unheilbar krank. Da steht einer vor den Trümmern seines Lebens. Gefangen in einer Kombination aus größter Anspannung und vorweggenommener Niederlage beschließt er, sich radikal ehrlich zu all dem zu bekennen, was bisher geschah und ihn in diese Situation brachte. Er erzählt von seinen Affären, seiner Eitelkeit, seiner Literatur, aber auch von der fatalen Arbeit als Redenschreiber und Erfinder von Slogans für einen populistischen Politiker. Und er hat allen Grund, für die im großen Flunkerraum dieses Romans geborgenen Bekenntnisse seine ganze Kunst aufzubieten.
Es soll dieses eine Mal eben nicht, wie in allen Büchern, die er bisher geschrieben hat, um »eine unmögliche Liebe« gehen, sondern darum, die mögliche Liebe seiner Frau zu retten. Dafür gibt er sein Bestes, dafür zeigt er sich so überaus klug, witzig, charmant, unterhaltend und entwaffnend ehrlich. Ob es ihm gelungen ist, steht natürlich nicht im Buch, dazu musste es zuerst veröffentlicht und von seiner Frau gelesen werden. Vielleicht wird Eshkol Nevo die letzte Frage seines Romans aber für seine Leser*innen noch beantworten. Sie heißt: »Gibt es noch etwas, das Sie hinzufügen möchten?«

Am 21. Mai stellt Eshkol Nevo »Die Wahrheit ist« im Gespräch mit Natascha Freundel und Markus Lemke auf der Podcast-Lesebühne des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) und des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) vor. Zu hören auf rbbKultur, in der ARD Audiothek und auf iTunes.

Eshkol Nevo »Die Wahrheit ist«, dtv, € 22,–.


01.05.2020 | Jürgen Abel