Farhad Shwoghis neuer Gedichtband
Poetische Fassungen des Sagbaren

Wer zum ersten Mal einen Band von Farhad Showghi aufschlägt, findet im »Tumult des Hingetupften« gleich beim »Klangcheck« zum Auftakt ein sehr schönes Gedicht, das sich allen einfachen Zuschreibungen verweigert und trotzdem tief einbrennt. Er gestattet seiner Dichtung »weder eine sinnliche Gewissheit noch die begriffliche Zurüstung der Welt«, wie der Literaturkritiker und Lyrikspezialist Michael Braun einmal erklärte. Dazu kommt, dass jede Bewegung, jede Wahrnehmung in einer Art Super-Slow-Motion sehr verlangsamt dargestellt wird.
Die tradierten Erwartungen an die Dramaturgie von Dichtung werden so sehr konsequent gebrochen. Formal zeigt sich das in der räumlichen Offenheit der Texte, sie changieren frei zwischen Prosa und Lyrik. Gleichzeitig wird man bei der Lektüre dieser Gedichte nie durch einen irgendwie gearteten Aha-Effekt, eine Pointe oder Ähnliches überrascht, wie man das aus der traditionellen Lyrik kennt, sondern durch eine ganz eigene meditative Form der Vergegenwärtigung, die sich eher leise einstellt.
In einer Art Klappentext zu seinem Gedichtband, der sich auch unauffällig zwischen seine Gedichte schmuggeln ließe, schreibt Showghi: »Das Wort kann sich nach Belieben vom Ding entfernen. Muss nicht immer Sprache können. Es wird dem Ding irgendwann wieder näherkommen, ja, vielleicht sogar überraschen.« Er weist damit den Weg für eine mögliche Einordnung seines Schreibens als phänomenologischen Erkenntnisprozess, der darauf abzielt, unser unmittelbares Erleben befreit von all den Einklammerungen, von Annahmen, Erfahrungen und Vorurteilen auch der Sprache und ihrer Indifferenzen einzufangen. Das klingt abstrakt und wird in diesen Prosagedichten doch ganz konkret und in »Silbennähe« durchgetaktet.
Man muss weder Lacans Credo vom »Unbewussten«, das »strukturiert ist wie eine Sprache« kennen, noch Positionen der postrukturalistischen Lyrik, um seine Gedichte schlicht als poetische Fassungen des Sagbaren verstehen zu können. Und als solche sind sie hochaktuell, denn es kommt heute mehr denn je auf gültige Gegenmodelle zu einer von Fakten in all ihren missverständlichen Variationen konzertierten Welt an. Das Streben nach Wahrhaftigkeit ist dabei eine notwendige Voraussetzung. Farhad Showghi erobert die »Lufthoheit« mit seinen neuen Gedichten schon einmal in der »näheren Umgebung«, mit »Laubgeruch« und »Schneeresten«, mit den »Fragen des Fensters« und den »Entgegnungen des Zimmers« und hat dabei »Die große Entfernung« stets im Blick.
Farhad Showghi, »Die nähere Umgebung«, kookbooks, € 24,–
31.01.2026 | Jürgen Abel


