Gaea Schoeters Roman »Das Geschenk«

Deutscher Düngermix mit fatalen Folgen

Gaea Schoeters, Foto: Anna Weise
Ihr erster Roman »Trophäe« (2024) ist eine große und sehr böse Parabel über Großwildjagd, koloniale Finsternisse in der Gegenwart und das Phantombild eines wilden, echten Afrikas, dem schon Hemingway hinterherjagte. Im letzten Herbst hat die flämische Schriftstellerin, Journalistin und Librettistin Gaea Schoeters dann mit ihrem schmalen Roman »Das Geschenk« eine grandiose Satire nachgelegt. Sie spielt im politischen Berlin und geht auf einen ganz realen Streit zwischen Botswana und Deutschland zurück.

Es beginnt mit einem kuriosen Schauspiel. Im Spreebogen gegenüber dem Reichstag in Berlin baden eines Tages im sanften Licht des frühen Morgens zwei große afrikanische Elefanten. Als der regierende Bundeskanzler Hans Christian Winkler davon erfährt, glaubt er zuerst, die Tiere seien aus dem Zoo ausgebrochen. Doch dann zeigt sich schnell, dass sie zu einer ganzen Herde gehören – und ein Geschenk aus Botswana sind. 20.000 Elefanten hat Präsident Tebogo aus dem südafrikanischen Land nach Deutschland bringen lassen. Es ist eine Reaktion auf das gerade erst mit großer Mehrheit vom Bundestag verabschiedete »Elfenbeingesetz«, das den Handel mit dem weißen Gold streng verbietet.

Der reale Hintergrund der Geschichte ist eine Ankündigung von Botswanas Präsident Mokgweetsi Masisi. Er drohte 2024 damit, 20.000 Elefanten nach Deutschland »abzuschieben«, sollte die Bundesregierung die Pläne des Landes für den Handel mit Elfenbein weiter blockieren. Erst in diesem Januar bekräftigte die neue Regierung von Botswana ihre Forderung noch einmal, da waren es dann schon 40.000 Elefanten, die der neue Präsident Duma Boko »abschieben« wollte. Botswana leidet tatsächlich an einer Überpopulation von Elefanten, doch damit endet die Realsatire dann auch. Die Beziehungen zu Deutschland sind eigentlich produktiv und freundlich – und die Ansiedlung von afrikanischen Elefanten wäre in Europa schlicht nicht möglich.

Bei Gaea Schoeters ist die reale Begebenheit der grandiose Zündfunke für eine Fiktion, die hochbrisante Fragen nach dem Verhältnis der westlichen Welt zu Afrika aufwirft und gleichzeitig den deutschen Politikbetrieb entlarvt. »Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben«, heißt es bei Schoeters: »Vielleicht solltet ihr einfach mal versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen.« Das klappt zunächst erwartungsgemäß überhaupt nicht, weder die Infrastruktur noch die Menschen im Land sind auf wildlebende Elefanten vorbereitet, und der Politikbetrieb ist durch den sowieso schon grassierenden Populismus nahezu handlungsunfähig. Doch dann nimmt sich die neue Regierungsbeauftrage Hannelore Hartmann der Sache mit großer Verve an: In kürzester Zeit verwandelt sich Deutschland in einen bedeutenden Agrarstandort, aus dem anfänglichen »Kotproblem« mit »zweitausend Tonnen Elefantenhaufen pro Tag« wird bald als Superdünger ein weltweiter Exportschlager. Das Land ergrünt unter all dem Dung, die Menschen werden gesünder und Deutschland zum Vorreiter für ein Europa, in dem Mensch, Tier und Natur in Einklang leben. Nur mit einer invasiven Kletterpflanze hat niemand gerechnet, der deutsche Düngermix hat bald fatale Folgen für die ganze Welt.

Gaea Schoeters knüpft mit »Das Geschenk«, das in einer sehr gelungenen Übersetzung von Lisa Mensing auf Deutsch erschienen ist, thematisch an ihren ersten Roman an und zeigt, wie sehr ein Politikbetrieb zu entgleisen droht, wenn der populistische Druck nur groß genug ist. Eine tolle Lektüre, die lange nachhallt, provokant, radikal, intelligent und zudem: ein großer Spaß.

Gaea Schoeters, »Das Geschenk«, Zsolnay, € 22,–

25.05.2026 | Jürgen Abel