Heike Geisslers neuer Roman »Michaela Kohlhaas«

Eine beispielhafte Frau

Heike Geissler, Foto: Heike Steinweg
In ihrem Essayband »Verzweiflungen« zoomt Heike Geißler ganz nah an die Abgründe und Bedrängnisse der Gegenwart heran und wurde dafür mit dem Bayerischen Buchpreis 2025 ausgezeichnet. Für ihren neu erschienenen Roman hat die in Leipzig lebende Schriftstellerin nun einen literarischen Großraum gekapert, der tief in der deutschen Kultur verwurzelt ist: den Klassiker »Michael Kohlhaas«. In einer formal brillanten Umsetzung erzählt sie in »Michaela Kohlhaas« (Suhrkamp) von der Selbstermächtigung einer »beispielhaften Frau«.

Als »tollkühne Überschreibung« der berühmten Novelle »Michael Kohlhaas« von Heinrich von Kleist kündigt der Suhrkamp Verlag den Roman von Heike Geißler an. Und das trifft es sehr gut, obwohl die Geschichte des Pferdehändlers Michael Kohlhaas, der blutig Selbstjustiz übt, nachdem ihm Unrecht widerfährt, seiner literarischen Nachfahrin Michaela Kohlhaas lediglich als Vorbild und stille Handlungsanweisung dient. Die Tronkenburg aus der Kleistsch’schen Novelle ist bei ihr eine Kneipe im Erdgeschoss eines Plattenbaus, der Junker Wenzel von Tronka tritt als Galerist auf, der die Tronkenburg übernimmt, und der Knecht Herse ist ein junger Angestellter des städtischen Friedhofs, als dessen stellvertretende Friedhofsverwalterin Michaela Kohlhaas »viele Aufgaben an der frischen Luft« wahrnimmt und mitten im Leben steht.

An die Seite ihrer Heldin, von der auktorial erzählt wird, stellt Heike Geißler eine Ich-Erzählerin. In einer Art Prolog, der vorwegnimmt, dass die Sache nicht gut ausgehen wird, beginnt mit ihr die Erzählung des letzten Lebensjahres von Michaela Kohlhaas – oder ist es eine von der Ich-Erzählerin erfundene Geschichte? Sie ist die Einzige, die dieser »großen Frau des Jahrhunderts«, bis zum Schluss freundschaftlich, hilfsbereit und bewundernd begegnet. Kennengelernt haben sie sich auf dem Friedhof, der ihr bei regelmäßigen Spaziergängen zu einer kleinen Flucht aus der engen und fordernden Welt ihrer Familie wird. Doch dann verlässt Michaela Kohlhaas kurz nach dem Jahreswechsel ihre Wohnung und kehrt nicht mehr zurück. Sie nimmt Bargeld mit, ihre Girokarte, ihren Pass, das Handy und das Ladegerät. Es ist mitten im Winter, und sie packt sich ordentlich ein, obwohl das auch nicht sehr hilft, wenn der Körper nicht an das Leben draußen gewöhnt ist.

Darf die das denn? Wenn man es auf die Kinderfrage herunterbricht, wird die Analogie zum Kleist’schen »Kohlhaas« deutlicher, denn eigentlich darf sie das nicht, obwohl es ihr heute auch niemand verbieten kann, weil sie allein durch ihr Verhalten gegen kein Gesetz verstößt. Der moralische Rigorismus, der den Kohlhaas von Kleist erfüllt und ihn zum brandschatzenden Rebellen werden lässt, treibt aber auch seine Nachfahrin im 21. Jahrhundert in ohnmächtiger Wut an, nur dass sie kein einzelnes, einschneidendes Ereignis dafür braucht, um plötzlich in ein Leben neben der Spur auszusteigen. Die Anlässe sind »ganz selbstverständlich da«, sehr grundsätzlicher Natur und dem Horizont einer »beispielhaften Frau« in der Gesellschaft schon lange eingepreist.

Michaela Kohlhaas wirft alle Konventionen über Bord und beginnt eine sanfte Rebellion durch Gestank, radikale Verweigerung und unverschämte Offenheit. Ihre Nähe ist nicht auszuhalten, weil sie sich kaum noch wäscht. Sie kleidet sich in Tücher und alte Faschingskostüme und verkauft in der Innenstadt hilflos angefertigte Sterbezertifikate. Sie habe »gar keine Botschaft«, sondern nur »eine Lebensweise« in einer »unvorteilhaft eingerichteten Welt«, sagt sie von sich in einer Talkshow, in die sie als regionale Obdachlosen-Berühmtheit eingeladen wird. Es geht ihr nicht darum, das Leben im Griff zu haben, sie will sich im Gegenteil »aus jedem Griff« lösen – und das gelingt ihr schließlich auch. Der Preis, den sie als »menschlicher Zugvogel« mit der Forderung nach einer anderen, einer besseren und freieren Einrichtung der Welt in Kauf nimmt, ist hoch und wird von einer Erkenntnis flankiert, die, seit sie Heinrich von Kleist vor 200 Jahren ausgegeben hat, nichts an ihrer Gewissheit eingebüßt hat: »Könnt ihr das Recht nicht erlangen, so ist kein anderer Rath da, denn Unrecht leiden.«

Heike Geissler, »Michaela Kohlhaas«, Suhrkamp, € 24,–

26.05.2026 | Jürgen Abel