Helene Bukowskis neuer Roman »Wer möchte nicht am Leben bleiben«
Versuch einer Annäherung
Briefe, Fotos und eine Chronik, die der Vater über seine Tochter Christina verfasst hat, sind »das Geländer« aus Zeugnissen, an dem sich Helene Bukowski für ihren Roman festhält. Die hochbegabte junge Pianistin Christina, von der sie erzählt, hat sich in Neubrandenburg 1985 mit nicht einmal Mitte 20 das Leben genommen. Sie wurde schon als kleines Kind von ihrem Vater gefördert, dem selbst eine Karriere als Opernsänger verwehrt blieb, kam als elfjähriges Mädchen auf eine »Spezialschule« für Musik, studierte am Konservatorium in Moskau. Und litt offenbar an einer schweren Krankheit, für die es damals noch keinen Namen gab, wie Helene Bukowski aus den Aufzeichnungen über Christina schließt.
Doch wie finden das historische Material und die biografische Recherche in eine gültige Erzählung, die sich nicht verklärend oder voyeuristisch über ein Leben wirft, sondern die Risse, Erschütterungen und Augenblicke des Glücks in einer Biografie im historischen Kontext einfängt? Helene Bukowski hat dafür eine persönliche Anrede gewählt, ein »Du«, mit dem sich die Erzählerin an die Seite ihrer Figur stellt, und sie reflektiert immer wieder im Text, dass und vor allem auch, wie sie die Geschichte von Christina erzählt. Durch dieses poetologische Prinzip gelingt ihr eine einfühlsame und authentische Annäherung an eine junge Künstlerinnenkarriere. Die Tragik, die ihr innenwohnt, wird dadurch nicht geringer, als Nachhall der Lektüre von »Wer möchte nicht im Leben bleiben« nimmt man jedoch vor allem mit, wie schön und fast zärtlich Helene Bukwoski von ihr erzählt.
Helene Bukowski, »Wer möchte nicht im Leben bleiben«, Ullstein, € 24,–
24.05.2026 | Jürgen Abel


