Helga Schuberts Erzählband »Vom Aufstehen«

Eine andere Zuflucht

Helga Schubert
Helga Schubert, Foto: Renate von Mangold
1980 war Helga Schubert schon einmal eingeladen, doch damals durfte sie nicht aus der DDR ausreisen und verpasste den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. 40 Jahre später hat die 1940 in Berlin geborene Schriftstellerin dann noch einmal eine Chance erhalten – und wurde prompt mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 2020 ausgezeichnet. In diesem Frühjahr ist der Gewinnertext nun in einem Sammelband mit 29 Erzählungen erschienen: »Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten« (DTV).

Bekannt wurde Helga Schubert schon 1975 mit dem Erzählband »Lauter Leben«, der in der DDR im Aufbau Verlag erschienen ist, das große Lesepublikum in Westdeutschland erreichte sie Anfang der 1980er Jahre mit dem vielgelobten Band »Das verbotene Zimmer« (Luchterhand). Für die Lakonie und Treffsicherheit ihrer literarischen Miniaturen aus meist nur wenigen Seiten wurde sie auch damals schon gefeiert, euphorisch schwärmte ihre Kollegin Sarah Kirsch: »Profession und Talent haben sie mit Über-Blicken über das Leben der Menschen ausgerüstet.« Auch in der Folge veröffentlichte Helga Schubert noch Erzählbände, Kinderbücher, Theaterstücke und Filmszenarien. In den letzten zwanzig Jahren lebte sie dann zurückgezogen in einem Dorf zwischen Wismar und Schwerin, durch den Bachmann-Preis ist sie nun unvermittelt zurück in der literarischen Öffentlichkeit und der Trubel ist groß.
Die 29 Erzählungen ihres Bandes bilden einen Streifzug durch ihr Leben, beginnend mit dem »idealen Ort«, zu dem ihr die Erinnerung an das Erwachen in einer Hängematte im Garten ihrer Großmutter wurde, bei der sie die Sommer ihrer Kindheit verbrachte, über einen Streifzug durch das Dorf, in dem sie heute lebt, der gleichzeitig den Westen und den Osten auskundschaftet, eine knappe Erzählung über ihren »Diktaturschaden«, bis zu den ganz verschiedenen Bedeutungen, die es haben kann, wenn jemand »alles gut« sagt. Auch wenn Schmerzhaftes verhandelt wird, so wie in der titelgebenden Geschichte über das Verhältnis zur Mutter, mit der Helga Schubert in Klagenfurt gewonnen hat, sind diese Erzählungen immer getragen von einer großen Leichtigkeit ohne je an Tiefe einzubüßen. Helga Schubert findet im Erzählen eine Zuflucht, die sich auch ihren Leser:innen mitteilt – man kann sie wahlweise nur als als Glück, als Fest oder als Geschenk bezeichnen.

Helga Schubert stellt »Vom Aufstehen« am 04. Mai im Literaturhaus Hamburg vor.
Streamingticket: € 5,–, Livestream und Tickets: www.literaturhaus-hamburg.de/programm /


Helga Schubert, »Vom Aufstehen«, DTV, € 22,–


29.04.2021 | Jürgen Abel