Jana Hensels »Es war einmal ein Land«
Der Osten wendet sich ab

Es ist keine Frage, die Jana Hensel im Untertitel ihres Buches formuliert, sondern eine Feststellung über »die Geschichte einer Gesellschaft, die gekippt ist«. Ihre Ausgangsthese ist eine »einfache Wahrheit«, wie sie zum Auftakt schreibt: »Immer mehr Ostdeutsche glauben nicht mehr an die Demokratie, weil sie ihnen nichts gebracht hat.« Eine kleine Einschränkung ergänzt sie dann doch noch, indem sie sagt, dass »die Demokratie ihnen nicht das gebracht hat, was sie sich erhofft hatten.« Unstreitig dürfte sein, dass sich breite Bevölkerungsteile im Osten von demokratischen Institutionen, den Medien und Parteien abgewendet haben, aber gibt es tatsächlich überhaupt kein Vertrauen mehr in die Demokratie? Und warum ist das so?
Jana Hensel begibt sich zuerst auf eine Spurensuche entlang der großen politischen Ereignisse und den daraus resultierenden Verwerfungen der letzten Jahrzehnte. Den Beginn des Abschieds vieler Ostdeutscher von der Demokratie sieht sie in der Amtszeit von Gerhard Schröder und vor allem auch in den Hartz-Reformen. Mit ihnen endet für viele der Traum von einem ähnlichen Wohlstand wie dem im Westen. In der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel sieht sie schließlich das Initial für aktiven Protest – und das Einfallstor für Rassismus, Nationalismus und Chauvinismus. Ob die wirtschaftlichen Nachteile und die Wut auf den Westen die AFD-Wahlergebnisse im Osten ausreichend differenziert begründen, kann man auch infrage stellen, aber »Es war einmal ein Land« ist ja auch kein Geschichtsbuch und noch weniger eine politische Kampfschrift.
Interessant und sehr lesenswert wird Jana Hensels Biografie der ostdeutschen Gesellschaft seit 1990 vor allem dadurch, dass sie die politisch-gesellschaftlichen Ereignisse und Veränderungen an persönliche Erlebnisse koppelt. Zu den Höhepunkten der Lektüre gehören die Erzählungen von ihren Begegnungen etwa mit Tino Chrupalla, Maximilian Krah oder Katja Wolf, weil sie sich erlaubt, auch subjektive Eindrücke, Zweifel und Unzulänglichkeiten zu thematisieren. Ihre »wichtigste Erkenntnis« ist am Ende, dass die »Sehnsucht nach Gleichberechtigung, Augenhöhe, Teilhabe, Aufstieg«, die sich hinter so vielen unerfüllt gebliebenen Wünschen nicht nur im Osten Deutschlands verbirgt, von den »Anti-Demokraten der AFD« nicht erfüllt werden kann. Doch ob das ausreicht, den Rückfall in eine autoritäre Gesellschaft zu verhindern, darf bezweifelt werden. Nicht nur in den USA, sondern auch in allen Ländern Mitteleuropas, fehlen Antworten der demokratischen Parteien und Eliten auf berechtigte Forderungen und Kritik.
Jana Hensel, »Es war einmal ein Land«, Aufbau, € 22,–
30.03.2026 | Jürgen Abel


