Jarka Kubsovas neuer Roman »Im Licht des neuen Tages«
Als wäre man in einer anderen Welt
Die in Hamburg lebende Schriftstellerin Jarka Kubsova ist 1987 als Zehnjährige mit ihrer Familie aus Tschechien über die österreichische Grenze nach Deutschland geflohen. Mit ihrer eigenen Herkunfts- und Migrationsgeschichte hätte sie sich eigentlich nie befassen wollen, erzählte sie in einem Interview mit der »taz« vor einigen Jahren, ihr neuer Roman »sollte eigentlich nur in Tschechien spielen«. Jetzt gehören die Passagen über die Flucht einer Familie aus der Tschechoslowakei und den Neuanfang in Deutschland zu den ergreifendsten, die sie in »Im Licht des neuen Tages« erzählt. Wie Jarka Kubsova selbst, ist Elli Hajek, die Erzählerin des Romans, in Pilsen geboren und Schriftstellerin. In einer Lebens- und Schreibkrise hat sie sich in ein einsames Haus im Wald zurückgezogen. Dennoch ist es keine autofiktionale oder autobiografische Geschichte, die sie erzählt. Das liegt vor allem auch an der zweiten Erzählstimme, als die sich gleich zu Beginn eine der berühmtesten und tragischsten Figuren der tschechischen Literatur vorstellt: Viktorka.
In dem 1855 erschienenen und bis heute populärsten tschechischen Klassiker »Babicka / Die Großmutter« von Božena Nemcová spielt Viktorka als tragische »Wilde im Wald« und wahnsinnige »Kindsmörderin« die zentrale Gegenrolle zu der warmen, harmonischen Welt der titelgebenden Großmutter. Gemeinsam mit der Erzählerin Elli lädt der Roman zu einer Ermittlung in den Tiefen des märchenhaft lieblichen böhmischen Waldes, wo Viktorka einst tatsächlich für Jahrzehnte in einer kleinen Höhle lebte. Was ist die wahre Geschichte der Außenseiterin? Was zeigt sich, wenn man »all die Verfälschungen, Hinzudichtungen, Auslassungen« weglässt?
Bevor Viktorka die Legenden um ihre Version ergänzt, muss dann aber doch Elli selbst nochmal ran und sich ihrer eigenen verdrängten Geschichte stellen. In ihr geht es vor allem um die Anpassung an ein neues Land, um Scham und den vergeblichen Versuch, gleichzeitig in zwei Ländern und Sprachen zu Hause sein zu können. Eine Brücke von der einen in die andere Welt schlägt Jarka Kubsova nun mit diesem hellsichtigen Roman über Selbstbestimmung und Sichtbarkeit.
Jarka Kubsova, »Im Licht des neuen Tages«, S. Fischer, € 24,–
28.08.2026 | Jürgen Abel


