Johann Sebauers neuer Roman »Popóm«

Ein fortgeschrittenes Ich

Johanna Sebauer, Foto: Pamela Rußmann
Mit ihrem souverän zwischen Satire, Ironie und tieferer Bedeutung changierenden Debüt »Nincshof« (DuMont) über eine Unabhängigkeitserklärung, wie sie in den europäischen Provinzen derzeit nur zu oft geträumt wird, erhielt Johanna Sebauer 2023 den Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals. In diesem Herbst ist der zweite Roman der 1988 in Wien geborenen Autorin erschienen, die nach vielen Jahren in Hamburg heute in einem kleinen Dorf im Burgenland lebt. »Popóm« (DuMont) ist ein funkelndes Meisterwerk, das bis zum letzten Satz glänzend unterhält.

Die Vorstellung der Begegnung mit einem Doppelgänger von sich selbst oder einer anderen Person fasziniert und verstört Menschen seit jeher. In der Literatur lässt sich das Motiv bis in die Antike zurückverfolgen, und seine Spielarten sind durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart weit verbreitet. Wo ist die Grenze zwischen dem Ich und den Anderen? Wer bin ich, und woran erkenne ich, dass ich es selbst bin? Was macht meine Identität aus?

Das Doppelgängermotiv berührt immer auch grundlegende Fragen nach der eigenen Existenz und den Identitätskonstrukten, die sie begleiten. In der Literatur werden diese Fragen heute oft in Texten verhandelt, die als »Autofiktionen« eine besonders hohe Glaubwürdigkeit für sich einfordern. Diesen Horizont kann man bei der Lektüre von Johanna Sebauers »Popóm« mitdenken, denn der Roman ist eine Parodie über die verbreitete Nabelschau unserer Zeit, die sich auch ganz schlicht als eine witzige Komödie über die Sinnsuche eines jungen Mannes lesen lässt.

Hendrik Popom ist ein Endzwanziger, Texter in einer Agentur und nach eigener Aussage »weit davon entfernt, ein richtiger Erwachsener zu sein«. Eines Abends begegnet ihm in einem Kiosk ein wesentlich älterer Mann, bei dem ihm sofort klar ist: Dieser Mann bin ich. Tatsächlich sehen die beiden sich nicht ähnlich, aber sie haben am gleichen Tag Geburtstag und den gleichen Namen, nur dass der ältere Hendrik sein Popóm mit einem Accent aigu versehen hat, und entdecken auch sonst jede Menge Gemeinsamkeiten. Anfänglich erscheint den beiden ihre Entdeckung noch als großes Glück, doch je mehr sich der jüngere Hendrik seinem älteren Ich annähert, desto mehr entgleitet ihm sein eigenes Leben.

Johanna Sebauer erzählt diese unwahrscheinliche Geschichte ganz realistisch, mit viel Sinn für skurrile Wendungen und Details. Am Anfang des Romans fragt man sich noch, wie diese verrückte Begegnung über die Länge eines Romans tragen soll und reibt sich am Ende verwundert die Augen, so gekonnt zündet das erzählerisches Feuerwerk.

Johanna Sebauer, »Popóm«, DuMont, € 24,–

30.10.2026 | Jürgen Abel