Judith Hermanns »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«

Eine Geschichte, die nicht mehr erzählt werden kann

Judith Hermann, Foto: Andreas Reiberg
Wie lässt sich etwas verstehen, das im Verborgenen bleibt? Wie kann etwas fassbar werden, von dem wir zwar wissen, dass es da ist und wirkt, aber ohne sich zu zeigen, ohne bewusste Erinnerung daran? Darum geht es in dem neuen Buch von Judith Hermann. In »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« (S. Fischer) begibt sie sich auf die Spurensuche nach einer Geschichte, die nicht mehr erzählt werden kann und doch erzählt werden muss. Es ist eines der Ereignisse des literarischen Frühlings.

Schon mit ihrem Debüt »Sommerhaus, später« (1998) gelang Judith Hermann, 1970 in Westberlin geboren, der wohl bis heute größte internationale Erfolg eines Erzählbandes aus der deutschen Literatur in den vergangenen Jahrzehnten. Sie gilt als eine der renommiertesten Schriftsteller:innen der Gegenwart. Nach ihrem Debüt sind weitere Erzählbände, zwei Romane und zuletzt der auf ihren Frankfurter Poetikvorlesungen basierende Band »Wir hätten uns alles gesagt« erschienen, in dem sie erzählt, was ihr Schreiben und Leben zusammenhält und verbindet. Daran knüpft sie mit »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« nun an.

Erkennbar ist die Literatur von Judith Hermann nach wenigen Sätzen an ihrem Sound, ein Mix aus Lakonie und Bedeutungsschwere, der sich in einer kühlen, oft von kurzen Sätzen getragenen Sprache direkt einprägt. Ihr neues Buch beginnt mit der Geschichte einer Tätowierung, die ihren Großvater als Mitglied der Waffen-SS ausweist. In ihrer Erinnerung hat ihre Mutter erzählt, die Tätowierung zum ersten Mal auf dem Sterbebett ihres Vaters gesehen zu haben, jetzt sagt sie, dass sie immer schon davon wusste. Nach nur zwei Absätzen landet man damit in einer Ermittlung, die sich fast sofort als wenig ergiebig erweist. Die Mutter kann sich an nahezu nichts über ihren Vater erinnern, obwohl sie 21 Jahre alt war, als er starb, ihrer Tochter wirft sie vor, sie würde nur eine Geschichte über den Großvater machen wollen und schweigt in den Augen der Tochter umso beredter.

Eines der wenigen Fotos, die es von dem Großvater gibt, zeigt ihn im Sommer 1941 auf einem Motorrad im polnischen Radom, ein stolzer, gutaussehender und fröhlicher Mann von »hünenhafter Gestalt«. Es ist einer der wenigen Anhaltspunkte der Erzählerin, also reist sie nach Radom, einen Ort, in dem vor dem Zweiten Weltkrieg fast ein Drittel der 85.000 Einwohner Juden waren, nur wenige Hundert überlebten den Holocaust. »Was hat er da gemacht«, fragt sich die Erzählerin, »im Sommer 1941 in der zentralen Zone des Schreckens.« In den Wochen ihrer Ermittlungen in Radom wird sie von »Befindlichkeiten« und »Ängsten« heimgesucht und findet nichts, bis auf den großen Platz und die Stelle, an dem das Foto aufgenommen wurde. Also reist sie nach Neapel, wo ihre Schwester mit ihrer Familie lebt und als Archäologin arbeitet. Die erklärt ihr anhand einer Ausgrabung in Pompeji, dass es sich dabei, wie meist bei Naturkatastrophen, um einen »geschlossenen Fund« handelt, der aus einem abgeschlossenen Ereignis resultieren würde. Die »Sache« mit ihrem Großvater sei dagegen »kein geschlossener Fund«. Im familiären Gedächtnis bleibt folglich unabgeschlossen, was er getan hat, so wenig es sich konkret noch ermitteln lässt.

»Das Entscheidende wird nie gesagt. Doch die Augenblicke sind sehr beredt«, hat Helmut Böttiger einmal über die Literatur von Judith Hermann gesagt und so ist es auch in »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«: Das Entscheidende bleibt eine Leerstelle, die nicht gefüllt werden kann, während über allem das Gespenst einer großen Verunsicherung schwebt, das aus dem Hintergrund seine Fäden zieht und nur gebannt werden kann, indem es sich zeigt. Tatsächlich hat der Großvater dann in Neapel noch einen raunenden Gastauftritt für die dritte und vierte Generation seiner Familie. Ob der Zauber gegen »Unglück und Wiederholung« auch wirkt, den die Erzählerin daraufhin platziert, bleibt offen – und das muss in der Literatur auch so sein.
Für die fragilen gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart lässt sich aus der wundervollen Erzählung jedoch nur die Lehre ziehen, dass es ganz bestimmt besser ist, sich mit mehr als einem Zauber gegen die Gespenster der Vergangenheit zu wappnen.

Judith Hermann, »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«, S. Fischer, € 23,–

30.03.2026 | Jürgen Abel