Katharina Hagenas »Ein Buch über das Singen«

Schläft ein Lied in allen Dingen

Katharina Hagena
Katharina Hagena, Foto: Jürgen Abel
Mit dem Roman »Der Geschmack von Apfelkernen«, der in 26 Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt wurde, hat Katharina Hagena 2008 ein großartiges Debüt vorgelegt. Es folgten »Vom Schlafen und Verschwinden« (2012) und »Das Geräusch des Lichts« (2016), eine grandiose kanadische Rhapsodie, die von fünf Suchenden erzählt. Im Februar erscheint nun »Herzkraft« (Arche), »Ein Buch über das Singen«. Es ist eine vielschichtige Eloge auf die vermutlich älteste und ursprünglichste musikalische Ausdrucksform des Menschen.

Ob morgens unter der Dusche, beim Autofahren oder auch im Fußballstadion, das Singen ist so alltäglich, dass es für Eichendorffs Gedichtzeile »Schläft ein Lied in allen Dingen« keine große Erklärung braucht. Und an dieser Sangeslust hat auch die Corona-Pandemie nichts geändert, obwohl die Einschränkungen für Chöre landauf und landab bis heute groß sind. Ein kurzes Kapitel über »Masken« eröffnet so auch das Buch von Katharina Hagena, die selbst in verschiedenen Chören und Ensembles singt. Auf nur zwei Seiten kommt sie da sehr schnell von der eigenen Erfahrung des »Summens mit Maske« über die Bedeutung der Theatermaske in der Antike auf »das Wichtigste« beim Singen zu sprechen, nämlich »die eigene Stimme zu finden und zu benutzen«, denn sie findet immer auch »einen Weg durch alle Masken«.

So wie dieser Auftakt sind die jeweils durch ein Gedicht zum Thema Singen eingeleiteten, kurzen Kapitel des Bandes ausnahmslos eingerichtet. Sie verbinden Autobiografisches mit Ausflügen in die Musikgeschichte, Physiologie, Soziologie und Kulturgeschichte. Da erfährt man, was das Singen mit dem Fliegen zu tun hat, warum Singvögel »volles Rohr durchsingen« können, was es mit den Gesängen von Nymphen, Sirenen und Wasserfrauen auf sich hat und warum Platon fand, dass Gesang die Vernunft angreift. Im Kapitel »Morgen« erfahren wir schließlich, dass die Autorin wegen ihres singenden Vaters in ihrem Elternhaus nie ausschlafen konnte, im Kapitel »Atem I« erzählt sie von ihrer Tante Charlotte Hagena, einer Ärztin, die eine Atemtypenlehre entwickelte, die für manche Sängerinnen und Sänger »eine Offenbarung« ist, und im Kapitel »Schweigen« steht einer dieser Sätze, den man sich aus diesem feinen Buch über den Gesang mit in den Alltag nehmen kann: »Singen ist ein besonders liebevolles Aufheben des Schweigens«.

➝ Die Buchpremiere mit Katharina Hagena findet am 8. Februar statt. Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, € 12,–/8,–, Streamingticket € 5,–, literaturhaus-hamburg.de

Katharina Hagena, »Herzkraft. Ein Buch über das Singen«, Arche, € 18,–


04.02.2022 | Jürgen Abel