Kristof Magnussons neuer Roman »Reise ans Ende der Geschichte«
Der Dichter, der Spion und die Lehrerin

Die 1990er Jahre waren in den Ländern des »freien Westens« eine Zeit fast schon grenzenloser Zuversicht. Nach Jahrzehnten der ideologischen Konflikte mit dem von der Sowjetunion angeführten Ostblock und der zunehmenden Bedrohung einer atomaren Apokalypse sah man sich mit Francis Fukuyama am »Ende der Geschichte« und als demokratisches Vorbild, an dem die ganze Welt genesen konnte. Fortan würde, so glaubten viele, alles zwar nicht ganz von alleine, aber ganz bestimmt immer nur besser werden.
Dieter Germeshausen, den uns Kristof Magnusson im Prolog seines Romans in einer höchst verzweifelten Situation vorstellt, sieht das 1995 als »Bundesbeamter im siebenundzwanzigsten Dienstjahr« nicht nur deshalb ganz anders, weil er ein ausgesprochener Griesgram ist. Sein Geschäftsmodell als Doppelagent für den sowjetischen KGB und den Bundesnachrichtendienst ist durch die neue Weltordnung überflüssig geworden, jeden Moment muss er mit seinen Enttarnung rechnen. Erschwerend kommt dazu, dass er bereit ist, Kopf und Kragen für eine gemeinsame Zukunft mit der Diplomatengattin Dominique Fishbowl zu riskieren, in die er sehr verliebt ist, obwohl sie ständig zu viel trinkt und dann auch viel zu mitteilsam ist. Also entwickelt Germeshausen den Plan für einen großen Coup, der es ihm und Dominique erlauben soll, sich mit einer neuen Identität zur Ruhe zu setzen.
Ohne genau zu wissen, worum es geht, gesellt sich der hochangesehene, international gefeierte junge Dichter und Götterliebling Jakob Dreiser für eine Reise nach Kasachstan an seine Seite. Er ist bereit, für ein abenteuerlicheres Leben seine Seele zu verkaufen und befindet sich damit in bester Gesellschaft einer ganzen Reihe von Schriftsteller-Kollegen, darunter so berühmte wie William Somerset Maugham, Ernest Hemingway, Roald Dahl oder Frederick Forsyth. In weiteren Rollen treten u. a. eine italienische Lehrerin und KGB-Agentin aus allerbesten Kreisen auf, ein russischer Vizegeneral, eine Bibliothekarin des Goethe-Instituts und ein greisenhafter Diener namens Gerboise, der das Tablett beim Servieren stets so schief hält, dass man ihm zu Hilfe eilen muss.
Es ist nur eines der grandios komischen Details dieses Romans, der vom »höhnischen Haha« bei einem Giftmord zum Auftakt bis zum Finale in einem sonnigen Verhörzimmer des KGB in St. Petersburg vor allem ein großer und sehr unterhaltender Lesespaß ist.
Kristof Magnusson, »Reise ans Ende der Geschichte«, Klett-Cotta, € 25,–
14.02.2026 | Jürgen Abel


