Leïla Slimanis »Trag das Feuer weiter«

Auf der Suche nach der verlorenen Erinnerung

Leila Slimani
Leïla Slimani, Foto: Francesca Mantovani für Èditions Gallimard
Sie ist eine der wenigen Frauen, die in der über 100-jährigen Geschichte des Prix Goncourt mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis ausgezeichnet wurden: Leïla Slimani, 1981 in Rabat geboren und aufgewachsen, gilt heute als eine der wichtigsten Stimmen Frankreichs und ist ein literarischer Weltstar. Mit dem psychologischen Thriller »Dann schlaf auch du« (2017) wurde die französische-marokkanische Schriftstellerin international bekannt. In diesem Januar ist mit »Trag das Feuer weiter« in der Übersetzung von Amelie Thoma der Abschluss ihrer großen, an ihre eigene Familiengeschichte angelehnte Trilogie »Das Land der Anderen« erschienen.

Vom ersten Nachkriegsjahrzehnt und den Unabhängigkeitsbestrebungen Marokkos erzählt Leïla Slimani in dem 2021 erschienenen und der Trilogie ihren Namen gebenden Auftaktband »Das Land der Anderen«. Im Zentrum steht die Geschichte ihrer Großeltern: Mathilde, eine junge Elsässerin, verliebt sich am Ende des Zweiten Weltkriegs in Amine Belhaj, einen marokkanischen Offizier im Dienst der französischen Armee. Die beiden heiraten und bewirtschaften am Fuß des Atlas-Gebirges einen Hof. Mathilde ist dort zwar mit dem Rassismus der Kolonialgesellschaft konfrontiert, mit patriarchalischen Traditionen und dem Unverständnis des eigenen Mannes, kämpft aber dennoch um Anerkennung, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung.

Im Herbst 2024 ist mit »Schaut, wie wir tanzen« die ebenfalls gefeierte Fortsetzung der französisch-marokkanischen Familiengeschichte erschienen. Sie spielt in den späten 1960er Jahren, und ins Zentrum rückt Aïcha Belhaj, die nach einem Medizinstudium in Straßburg nach Marokko zurückkehrt und dort auf eine erstarrte Welt trifft. Die Farm ihres Vaters floriert zwar, aber die Familie ist zerrissen. Wie soll Aïcha sich in einem Land behaupten, in dem bisher nur Männer Ärzte sind und das von einem autoritären König regiert wird? Am Abend der Mondlandung lernt sie einen Wirtschaftsstudenten kennen, den alle nur »Karl Marx« nennen. Kann Aïcha mit ihm ihren Traum von einem unabhängigen Leben verwirklichen?

Der in diesem Januar erscheinende dritte Band der Familiengeschichte »Trag das Feuer weiter« setzt nun fast in der Gegenwart ein. Die Rahmenhandlung bilden ein Prolog, ein Epilog und ein Zwischenstück als Ich-Erzählung der Schriftstellerin Mia, die in Paris lebt und im November 2021 ihren Geschmacks- und Geruchssinn verliert. Noch Monate nach der Corona-Infektion leidet sie an Gedächtnisstörungen und Erschöpfungszuständen. Eine Erklärung dafür findet sie, als ein Arzt sie mit der Frage konfrontiert, ob sie schon einmal etwas von »Gehirnnebel« gehört habe. Es ist das beste Bild für den Zustand, in dem sie sich selbst sieht. Der Arzt gibt ihr den Rat: »Finden Sie Ihre Madeleine.«Mit diesem Hinweis auf die berühmte Madeleine-Szene in Marcel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«, in der ein junger Mann »einen Löffel Tee mit einem aufgeweichten Stück Gebäck darin an die Lippen« führt und plötzlich durch den alltäglichen Geschmack von einem Erinnerungsstrom an seine Kindheit überwältigt wird, setzt die eigentliche Romanhandlung ein. Im Zentrum stehen jetzt Mia und Inès, die in den 1980er Jahren geborene dritte Generation der Familie Behaj.

Mit ihnen kommt Leïla Slimani in der grandios erzählten Familienchronik in der Gegenwart an und in ihrem Epilog bei dem Wunsch der Erzählerin, dass sie damit nur noch »in den Geschichten sein kann, und sie nicht mehr erzählen muss«. Vielleicht, hofft man da insgeheim, geht es aber doch irgendwann weiter, mit »dem Leben, das gelebt wird, um geschrieben zu werden«.

Leïla Slimani, »Trag das Feuer weiter«, Luchterhand, € 25,–

15.01.2026 | Jürgen Abel