Literatur im Podcast

Tragbare Sendungen

Literatur im Podcast
Foto: Juja Han, unsplash.com
Während der Veranstaltungsbetrieb in den Kulturinstitutionen in Hamburg seit inzwischen bald einem Jahr nur stockend läuft, hat der Podcast-Boom noch einmal so richtig Fahrt aufgenommen. Bis vor wenigen Jahren richteten sie sich an ein Nischenpublikum, heute gibt es das Fernsehen für die Ohren zu nahezu allen nur denkbaren Themen, ob als Politik-Podcast von Angela Merkel, über »Die Waffeln einer Frau«, die Barbara Schöneberger serviert, oder als »Apokalypse & Filterkaffee«, mit denen Mickey Beisenherz gleich dreimal in der Woche aufwartet. In der Literatur sind die »tragbaren Sendungen« so weit verbreitet, dass das Ranking der besten Literatur- und Buchpodcasts auf »podwatch« inzwischen 100 Ausgaben des vor 20 Jahren als »Audioblogging« gestarteten Formats verzeichnet. Und das ist nur ein Bruchteil all der Literatur-Podcasts, die es inzwischen gibt. Wir haben reingehört und stellen eine (kleine) Auswahl von Literatur-Podcasts aus Hamburg vor.

Next Book Please
Im Literaturpodcast von Hamburger Abendblatt und Literaturhaus Hamburg stellen Kultur-Redakteur Thomas Andre und Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, jeden Monat eine Auswahl von meist drei Neuerscheinungen vor. Nach dem obligatorischen und hier sehr schwungvoll-jazzigen Intro geht es in den inzwischen über 30 Folgen des Podcasts so engagiert sachkundig und unterhaltend zur Sache, dass es eine Freude ist, den beiden Lese-Profis zuzuhören. Die Auswahl der vorgestellten Bücher ist breit, umfasst Erwartbares wie Thomas Hettches Roman »Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste« oder Ralf Rothmanns Erzählband »Hotel der Schlaflosen«, aber mit jeder Folge auch Entdeckungen, zum Beispiel die »Sibirischen Geschichten« des Hamburger Schriftstellers Sascha Preiß, das Romandebüt »Triceratops« von Stephan Roiss oder einen Klassiker wie »Der Malteser Falke« von Dashiell Hammett, dem eine Spezial-Ausgabe des Podcast gewidmet ist. Andre und Moritz geben zudem klare Empfehlungen in einem Punkte-Ranking und scheuen, natürlich gut begründet, auch klare Einschätzungen über »Das mieseste Buch des Jahres« 2020 nicht.
literaturhaus-hamburg.de

»Slam auf ’s Ohr«
Der Podcast von »Kampf der Künste« ist im Sommer in die erste Staffel gestartet – und hat sich vorgenommen, der Szene »den letzten Pfiff« zu verleihen. Moderiert von Hannes Maaß und Paulina Behrendt treffen sich pro Ausgabe zwei Slammer*innen zum Wortstreit, davor und danach wird natürlich auch sehr kurzweilig geplaudert. Angetreten sind in den bisher 10 Ausgaben u.a. Hinnerk Köhn gegen Kirsten Fuchs, Mona Harry gegen Friedrich Herrmann, Vicotria Helene Bergemann gegen Florian Hacke, und ein Special Feature gibt es auch: Andy Strauß stellt sich im »Flüsterton« als »ruhiger Schläfer« vor, bevor es zur Sache geht.
kampf-der-kuenste.de/#podcast

»Mit Wenn und Aber«
Der Podcast von und mit Carsten Brosda ist im letzten Herbst mit einem Gespräch mit Simone Buchholz gestartet, in dem der Hamburger Kultursenator und die höchst erfolgreiche Hamburger Autorin über Musik, das Schreiben, Politik und Gesellschaft plaudern. Jede Folge des Podcasts beginnt mit einem Musikstück, das der Gast mitbringt – und der profunde und vielseitige Musikkenner Carsten Brosda ist ein Garant dafür, dass das Gespräch darüber dann nicht nur einen Ausflug in die Musikgeschichte unternimmt, sondern auch gleich noch meist pop-kulturelle Phänomene streift und politische und gesellschaftliche Probleme der Gegenwart thematisiert. Trotz oder vielleicht gerade durch dieses Themenspektrum sind die bisher erschienenen Podcasts mit Igor Levit, Kirsten Fehrs, Frank Spilker und Kübra Gümüsay vor allem auch ganz persönliche Porträts der Gäste.
hamburg.de/bkm/podcast-senator-brosda/

laxbrunch
Von dem Hamburger »Literaturschnack« mit Nefeli Kavouras und Anselm Neft gibt es inzwischen fünf Folgen, in denen es »um Romane, Erzählungen, manchmal auch Gedichte, Comics und Filme« geht, aber auch um »gutes Streiten, um Stil, Dramaturgie und die vielen Facetten des Lesens«, wie es auf der Website des Podcasts heißt. Das Schöne an diesem sehr offenen Konzept ist, dass da nicht der übliche Novitätenmix geboten wird, sondern ein subjektives und doch höchst profundes Gespräch über Literatur im Vordergrund steht: klug, witzig und sympathisch. Die Themen, ob über John Irvings »Hotel New Hampshire«, Sally Rooneys »Normal People«, Sara Gran, Edouard Levé oder Edgar Allan Poe sind breit gefächert und werden mal auch von den regelmäßig eingeladenen Gästen vorgegeben. Das garantiert ein offenes Gespräch, in dem auch die Abschweifungen noch viel Spaß machen. Zitat: »Kartoffelpüree frustriert mich, weil es nicht knusprig ist«.
laxbrunch.de

Hörstoff Hamburg
»Vielfalt statt Mainstream, unabhängig und inspierend«, das ist das Motto, unter dem Hamburger Buchhandlungen seit letztem Sommer einen Podcast über die »grandiose Welt der Bücher« produzieren. Jeden Monat geben Buchhändler*innen einer anderen unabhängigen Hamburger Buchhandlung Tipps für spannende Lektüren und erzählen zum Auftakt auch mal aus dem Alltag im Buchhandel.
hoerstoff-hamburg.podigee.io

eat.READ.sleep.
»Bücher für dich«, das verspricht der NDR mit seinem Podcast über »Lieblingsbücher, Neuerscheinungen, Bestseller« und serviert in jeder Ausgabe auch Kulinarisches: Zum Auftakt gab es »Kartoffelsalat mit Dörte Hansen«, weiter ging es mit »Maisklößchen« und »Tarte Tatin«bis zuletzt »Soupe au Pistou mit Nina George« auf der Speisekarte stand. Das Rezept dazu findet man in Georges Bestseller »Das Lavendelzimmer« und zum Nachkochen auch auf der Website des Podcasts, in dem es sonst natürlich vor allem um Literatur geht. Katharina Mahrenholtz und Jan Ehlert empfehlen in jeder Ausgabe ein breites Spektrum an Büchern, zuletzt standen acht Titel auf dem Programm, von Anne Webers »Annette, ein Heldinnenepos« über Clemens J. Setz’ »Die Bienen und das Unsichtbare« bis zu Nina Georges »Der Freund«, die in dem Podcast vom »Ende der Welt«, wie sie sagt, in der Bretagne zugeschaltet war.
ndr.de






05.02.2021 | Jürgen Abel