Lukas Rietzschels neuer Roman »Sanditz«
Gesellschaftspanorama mit Bruchkante
Es gibt keine rationale Erklärung dafür, wie das passieren konnte und ob es »marodierende, linke Jugendliche« gewesen sein könnten oder »erstarkende rechte Gruppen«, die für »den Anschlag« auf das Bismarck-Denkmal in Sanditz verantwortlich sind. In der Nähe des Denkmals gibt es weder Fuß- noch Reifenspuren, nichts deutet auf einen Anschlag hin. Für Maria ist der kuriose Denkmalsturz ausgerechnet in der Coronazeit im Jahr 2021 schnell der meistgeklickte Artikel in ihres Berufslebens als Lokaljournalistin in der fiktiven Kleinstadt Sanditz an der Bruchkante eines Tagebaus.
Maria und ihr Zwillingsbruder Thomas, der bei der Polizei gekündigt hat, weil er sich in einer Bewegung gegen die Beschränkungen der Corona-Politik engagieren wollte, sind die jüngsten Nachfahren der Familie Wenzel, die im Zentrum dieses fast 500 Seiten umfassenden Romans steht. Ergänzt werden die Familien- und Lebensgeschichten durch Episoden, die um eine ganze Reihe weiterer Stadtbewohner von Sanditz kreisen. Von Kapitel zu Kapitel entsteht so in zwei zentralen Erzählsträngen mit Rückblenden in die Jahre 1978 bis 1996 und in Episoden aus den Jahren 2021 bis 2023 ein breites Gesellschaftspanorama. Es reicht von den lähmenden letzten Jahren in der DDR über die Wende bis fast in die Gegenwart.
Lukas Rietzschel verlässt sich dabei vor allem auf die Kraft und Macht der Geschichten, die er erzählt. Er zeigt die Marmeladenpfarrerin und die Bürgerrechtler, die sich bis zur Wende bei ihr versammeln, den neuen Sparkassendirektor aus dem Westen, der sich nach der Wende im Ort ansiedelt, und die Heimkehrer aus dem Westen, die in der strukturschwachen Gegend keine Arbeit gefunden haben und sich jetzt nur noch am Wochenende bei »Boxer« versammeln – in der letzten verbliebenen Kneipe einer Region mit immer weniger Menschen.
Vor allem in der zweiten Hälfte entwickelt sich »Sanditz« durch die Fliehkräfte des Umbruchs in der DDR und die Zeitenwende in der Gegenwart zu einem rasanten Pageturner. Was sie alle verbindet, die Daheimgebliebenen wie die Abgewanderten, die Alten wie die Jungen, ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Verortung, auch nach entschiedener Abgrenzung gegenüber dem Westen und einer positiven Sicht auf die eigene Geschichte.
Damit kommt Lukas Rietzschel in seinem sächsischen Heimatroman dann auch endgültig in der fragilen Gegenwart der gesamtdeutschen Gesellschaft an. Die Kehrseite des Wandels und all der Verwerfungen, die mit ihm einhergehen, findet in einer bäuerlichen Szenerie auf einer alten Wandfliese ihren Kulminationspunkt. Und in den Raben, die zu Beginn als Krabats Müllerburschen einen unerklärbaren Denkmalsturz organisieren: Jetzt sind sie verwandelt in Drohnen und bringen den Tod. Noch nicht einmal die Legenden halten also, was sie versprechen. Größer könnte die Entzauberung nicht sein. Ein Akt der Befreiung bleibt immerhin im subjektiven Empfinden, so dass sich mit Roland Kaiser abschließend sagen lässt: »Die Gefühle sind frei«, so ambivalent sie auch immer sein mögen.
Lukas Rietzschel, »Sanditz«, DTV, € 26,–
10.03.2026 | Jürgen Abel


