Marco Balzanos Roman »Bambino«

Die große Lust, Böses zu tun

Marco Balzano, Foto: Geri Krischker
Im 20. Jahrhundert wurde Triest durch seine kulturelle Vielfalt und seine Schönheit zu einem Sehnsuchts- und Zufluchtsort für einige der großen Schriftsteller der Moderne. Die »UNESCO City of Literature« liegt aber auch in einer der umkämpftesten Gegenden des Kontinents. In Marco Balzanos neuem Roman »Bambino«, der in einer Übersetzung von Peter Klöss bei Diogenes erschienen ist, bildet diese große Stadtgeschichte das historische Koordinatensystem für eine fiktive Biografie. Sie erzählt von einem Faschisten, Denunzianten und Gewalttäter. Der Roman ist eine Zumutung, eine Herausforderung und eine Lektüre, die sich tief einbrennt.

Als Nahtstelle italienischer, deutscher und slowenischer Kultur ist das in Friaul-Julisch Venetien, an der Grenze zum Balkan liegende Triest bis heute eine der kosmopolitischsten Städte Europas. Für Jahrhunderte war die zum Habsburgerreich gehörende Stadt ein bedeutendes wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Das änderte sich schlagartig mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, an dessen Ende Triest Italien zufiel und zu einem Zentrum der jungen faschistischen Bewegung wurde. Den »Schwarzhemden« schließt sich auch Mattia Gregori an, der wegen seines »glatten Gesichts« ohne jedes Barthaar von allen nur »Bambino« genannt wird. Es dauert nicht lange, bis der zart wirkende junge Mann durch seine unbändige Wut und Brutalität bekannt und gefürchtet ist. Mattia, Sohn eines Uhrmachers und Antifaschisten, wird Mitglied von Mussolinis Miliz und geht über viele Jahre in den slowenischen Dörfern in der Umgebung auf Raubzüge, mit denen er seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Marco Balzano lässt »Bambino« seine Geschichte selbst erzählen und begründet die ungewöhnliche Perspektive eines Täters auf das Geschehen mit seiner Überzeugung, dass es notwendig sei, »manchmal in die Kleider eines Antidemokraten zu schlüpfen, um über die Demokratie zu schreiben«. Ein Unbehagen habe sein Schreiben dennoch begleitet, und so ist es auch bei der Lektüre, bei der man irgendwann eben doch mit diesem dunklen Antihelden hofft und leidet. Möglich wird das auch durch den sehr zurückhaltenden Stil, der die grellen Szenen des Romans gekonnt reduziert und dennoch poetische Akzente setzt. Eine weitere große Stärke ist die nachvollziehbare Psychologie eines Gewalttäters, die Balzano für Mattia entwickelt hat. Ob sie die große Lust, Böses zu tun, wirklich erklärt, bleibt offen, aber sie bietet mögliche Begründungen für die Empathielosigkeit dieses Antihelden und für seine Verführbarkeit durch eine Gruppe, in der er Zugehörigkeit, Schutz und ein »Gefühl von Allmacht« findet, das ihn über jede moralische Regel erhebt.

In Italien wurde »Bambino« mit vier Literaturpreisen ausgezeichnet und zum Bestseller, ein großes Publikum wünscht man den Roman auch in Deutschland, weil er so direkt und ganz ohne zu moralisieren zeigt, was geschieht, wenn eine Ideologie der Gewalt und Ausgrenzung als Alltagsmacht die Regie einer Gesellschaft übernimmt.

Marco Balzano, »Bambino«, Diogenes, € 25,–

30.10.2026 | Jürgen Abel