Mareike Fallwickls neuer Roman »Die Wut, die bleibt«

Collateral Damage

 Mareike Fallwickl
Mareike Fallwickl, Foto: Gyöngyi Tasi
Schon ihre Romane »Dunkelgrün fast schwarz« und »Das Licht ist hier viel heller« sind rasante Psychodramen über toxische Männlichkeit, Sexismus, Macht und Machtmissbrauch im Binnenraum mehr oder weniger alltäglicher Beziehungen. Pointierte Szenarien aus diesem gesellschaftlichen Giftschrank orchestrieren auch den neuen Roman »Die Wut, die bleibt« (Rowohlt) der österreichischen Autorin Mareike Fallwickl. Ihr Ausgangspunkt ist hochaktuell und liegt in der unmittelbaren Gegenwart, in der vor allem Familien mit kleinen Kindern durch die Corona-Pandemie einer andauernden Belastungsprobe ausgesetzt sind. In diesem Roman mit tragischen Folgen, die nicht ungesühnt bleiben.

Helene sitzt mit ihren drei Kindern und ihrem Mann beim Abendessen in einer beengten Wohnung im fünften Stock in Salzburg, steht auf, geht auf den Balkon und springt. Sie lässt Maxi zurück, der kurz vor der Einschulung steht, Lucius, noch ein Kleinkind und Lola, ihre fünfzehnjährige Tochter, die sie mit in die Ehe mit Johannes gebracht hat. Mareike Fallwickel erzählt in ihrem Roman in kurzen, schnellen und mit vielsagenden Zwischentiteln wie »Aliveness«, »Konfliktsituation«, »Self Defense« oder »High Impact« überschriebenen Kapiteln davon, was dann geschieht. Es ist eine Geschichte weiblicher Selbstermächtigung, bei der die Frage danach, warum eine Mutter aus scheinbar heiterem Himmel ihr Leben wegwirft, immer mehr in den Hintergrund tritt.

Der Auslöser für Helenes Suizid ist eine banale, jedoch maximal gefühllose Bemerkung, die erst dann etwas erklärt, wenn man sich den gesellschaftlichen Echoraum ins Gedächtnis ruft, in dem sie so katastrophale Folgen haben konnte. Ein Schlagwort, das gleich zu Beginn der Corona-Pandemie aufpoppte, ist der Begriff »Retraditionalisierung«. Schon im Mai 2020 warf die Soziologin Jutta Allmendinger damit die These auf, dass Frauen und Mütter durch die Corona-Krise in alte Rollenmuster gedrängt würden und zudem den größten Teil der Belastungen schultern müssten. Das Medienecho darauf war groß, es gab viel Zustimmung, aber auch begründete Einwände, die durch Studien belegt und inzwischen durch weitere Studien wieder entkräftet wurden. Ganz naheliegend ist, dass Kita- und Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen, Besuchsverbote und der Rückzug auf die eigenen vier Wände für viele Familien bis heute enorme Zumutungen sind. Das ist vor allem auch deshalb so, weil all diese Maßnahmen Eltern wie Kindern die Möglichkeit rauben, sich zu distanzieren, sich zu erholen und Kraft jenseits des familiären Miteinanders zu schöpfen.

So geht es auch Helene in Mareike Fallwickls Roman. Während Johannes, ihr Mann, seine Tage im zum Büro umfunktionierten Kinderzimmer verbringt, wird der Lockdown für sie zur Familienfalle. Zuerst verliert sie ihren Job und dann viel zu oft die Nerven bei der Betreuung von zwei Kleinkindern und eines Teenagers, die rund um die Uhr präsent sind. Nach ihrem Tod läuft das Familienleben zuerst völlig aus dem Ruder, bis Sarah sich aufopferungsvoll kümmert. Die Krimiautorin hat in ihrem Leben so ziemlich alles anders gemacht als ihre beste Freundin Helene und jetzt ein schlechtes Gewissen. Helene taucht unterdessen aus dem Jenseits immer wieder an Sarahs Seite auf. Als glücklicher Geist beobachtet sie das familiäre Chaos, das sie ihrer Freundin hinterlassen hat, die nun selbst die Erfahrung machen muss, wie es ist, wenn für das eigene Leben kein Platz mehr bleibt.

Den Weg zurück in die Selbstbestimmung findet Sarah schließlich durch Lola, die nach dem Tod ihrer Mutter nach und nach zur feministischen Aktivistin und wütenden Kämpferin gegen die allseits grassierende Misshandlung und Unterdrückung von Männern wird. An denen findet der Roman auch dann nichts Gutes, wenn sie sich ausnahmsweise nicht als misshandelnder Stiefvater, Lehrer oder Klassenkamerad erweisen. Sogar die beiden kleinen Brüder von Lola machen vor allem schreiend, beißend, zwickend und tretend auf sich aufmerksam.

Schuld an der ganzen Misere, daran lässt dieser Roman keinen Zweifel, sind Männer, sind Politiker, ist die Gesellschaft – und schuld sind auch Frauen, wenn sie sich nicht wehren und ihre Rechte einfordern. Das ist radikal, einseitig und eindimensional. Aber bei all den Klischees, die über Frauen so verbreitet werden, kann man das diesem streckenweise sehr grellen, sehr krassen und sehr wütenden Roman ernsthaft vorwerfen? Leise anmahnen darf man(n) allerdings eine kleine Triggerwarnung über die verstörenden Gewaltexzesse gegen Männer, die auch zum Collateral Damage der Wut gehört, die sich da austobt.

Mareike Fallwickl liest am 23. März in Buchhandlung Lüders aus ihrem Roman.
➝ Buchhandlung & Antiquariat Lüders, Heussweg 33, 20.00 Uhr, € 10,–,


Mareike Fallwickl, »Die Wut, die bleibt«, Rowohlt, € 22,–


20.03.2022 | Jürgen Abel