Michael Maar findet »Die Schlange im Wolfspelz«

Vom richtigen Maß und lustvoller Überschreitung

Carsten Brosda
Michael Maar, Foto: Isolde Ohlbaum
Der Germanist, Literaturkritiker und Autor Michael Maar ist in seinem neuen Buch »Die Schlange im Wolfspelz« (Rowohlt Verlag) dem »Geheimnis großer Literatur« auf der Spur. Er erzählt von dem einzigartigen Magier Franz Kafka, den großen Stilisten Heimito von Doderer und Thomas Mann, er ruft von Kleist bis Kronauer, von Varnhagen bis Valentin eine ganze Phalanx von Autor*innen auf. Und findet - was sonst: Geschichten über Geschichten, die sich zu einem einzigartigen und sehr unterhaltenden Lehrbuch über deutschsprachige Literatur zusammenfügen. Nur das Geheimnis großer Literatur bleibt am Ende doch verborgen.

Es gibt eine Regel des französischen Lyrikers, Philosophen und Essayisten Paul Valéry, von der Michael Maar erzählt. Es ist nur eine in einer ganzen Reihe von Regeln, die von der »Hauptregel« eingefriedet werden: »Es gibt keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber man muss es können.« Die großen Stilisten, zu denen Maar beileibe nicht alle Autoren*innen zählt, und sogar bei ihnen findet er Kunstfehler, spielen mit diesen Regeln und brechen sie. Vor allem in Heimito von Doderer sieht er einen »Zen-Meister der Prosa«, der gegen fast jedes »Gesetz der Erzählkunst« verstoßen konnte. Doch für alle anderen gelten Regeln und »Instrumente« der Literatur, die man benennen kann. Da geht es um die hohe Kunst der Zeichensetzung und um schöne Wiederholungen, um »Die Metapher« und perfekte Sätze, die wörtliche Rede, Stilsünden und das Unkraut der Prosa, um Kunstfehler, Manierismen, um Beiwörter und den Rhythmus.

Doch zurück zu Paul Valéry, der einen einfachen Grundsatz aufstellt: »Zwischen zwei Wörtern wähle man das geringere.« Er plädiert für einen Stil, der sich zurücknimmt, damit das Gemeinte für die Lesenden in den Vordergrund treten kann. Michael Maar praktiziert diese Regel in seinem Buch durchaus und bricht sie dennoch selbst gleich zum Auftakt, wenn er zur Frage »Was ist Stil?« erklärt: »Ein guter Stil ist es dann, wenn man merkt, dass Gedanke und Formulierung – mit unhörbar wollüstigem Schmatzen – zueinandergefunden haben.« Das Schmatzen ist allerdings immer hörbar, wie sollte es sonst ein Schmatzen sein? Obwohl der Autor hier sprachlich daneben greift, trifft die Metapher absolut ins Schwarze. Das Beispiel zeigt, wie heikel Stilfragen im Allgemeinen und Sprachkritik im Besonderen sind. Man kann sie zwar generalisieren, aber sie können auch sehr schnell ihre Gültigkeit verlieren, wenn sie durch etwas gebrochen werden, das ihre Begrenzungen zwingend in Frage stellt. Das heißt, dass für den Stil zwar das Credo gilt, für das Maar die zweite Inschrift des Tempels von Delphi zitiert: »Alles in Maßen«. Gleichzeitig muss es aber auch ergänzt werden: Zur Kunst des guten Stils gehört eben nicht nur das Maß halten, sondern auch das lustvolle Überschreiten, das Brechen dessen, was Maß und Mitte vorgeben.

Ein prominentes Beispiel dafür ist Arno Schmidt, der bei Michael Maar im Schlusskapitel über »Das Pikante und der Spaß der Welt« auftaucht. Da geht es um »Verbotne Früchte« und den »berühmtesten Gedankenstrich der deutschen Literatur«, also um literarisch gelungenen Sex, ob bei Kleist oder bei Kafka, Tucholsky oder Robert Musil, der »ein großer kühler Skeptiker des Eros« war, oder eben bei Arno Schmidt, der sich wegen seiner »Seelandschaft mit Pocahontas« in den züchtigen 1950er Jahren sogar mit einer Zuchthausstrafe bedroht sah. Aus heutiger Sicht ist das kaum noch nachvollziehbar. Was sollte an »Spechtsignalen unter Zehenbüscheln« oder einem »konkaven Mirabellenbauch« auch pornographisch sein? Zwanzig Jahre später und nachdem eine sexuelle Revolution durchs Land gefegt ist, kommt Arno Schmidt dann in »Die Schule der Atheisten« unter höchstem Sprachaufwand zur Sache: »(=SIE COICHT, ER schmattsD, den Tàkdazu: ‹!›)«. Michael Maar sieht da einen »Phall für sich« am Werk und stellt fest, dass in Arno Schmidts Prosa mehr passiert als bei Heinrich Böll, leider nur »immer ein bisschen zu viel«.

»Virtuose und erzähltechnisch ausgefuchste Sex-Szenen« zitiert er dagegen aus den »Leichten Verfehlungen« von Elke Schmitter, bevor er den Schlussakkord anstimmt und endlich enthüllt, dass dem Geheimnis der Literatur nicht auf die Schliche zu kommen sei, er aber doch hofft, »durch Beispiele guten Stils die Empfindlichkeit gegen schlechten erhöht« zu haben. Das gelingt diesem Lehr- und Geschichtenbuch ganz wunderbar. Und wer daran nach der Lektüre noch zweifelt, macht mit dem Literaturquiz, das der Band in zwei Etappen mitliefert, die Probe aufs Exempel.

Michael Maar, »Die Schlange im Wolfspelz«, Rowohlt, € 34,–.


10.12.2020 | Jürgen Abel