Mirko Bonnés neuer Roman »Kanzlerkino«

Wer im Glashaus sitzt

Mirko Bonné, Foto: Beowulf Sheehan
Der neue Roman von Mirko Bonné spielt zur Wendezeit in den 1990er Jahren und ist doch brandaktuell. In »Kanzlerkino« (Schöffling & Co.) erzählt der Hamburger Übersetzer, Dichter und Schriftsteller, der zuletzt mit dem Hubert-Fichte-Preis und dem Hannelore-Greve-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, von Spannungen und Verletzungen an einer historischen Bruchkante, die Deutschland bis heute prägen. Der bravourös polyperspektivisch erzählte Roman lädt dafür in ein Glashaus – den Kanzlerbungalow der Bonner Republik.

Gleich im ersten Absatz lenkt Mirko Bonné den Blick auf das historische Gebäudeensemble im Bonner Regierungsviertel: das Tulpenfeld mit seinen Ministerien- und Abgeordnetenbüros, die benachbarte Villa Hammerschmidt, bis heute zweiter Dienstsitz des Bundespräsidenten, das Palais Schaumburg, das einst Sitz des Bundeskanzlers war, und den Kanzlerbungalow am Rheinufer, heute ein Museum. Auch die Insignien der Macht stellt der Roman nach und nach lustvoll aus, von den Staatskarossen über Personenschützer, Geheimdienstler bis zum schrulligen Hauspersonal. Der Bundeskanzler heißt in der mit einer leisen Ironie ausgesponnenen historischen Parallelwelt dieses Romans Viktor Breugel und ist als Erscheinung unverwechselbar Helmut Kohl nachempfunden, aber gleichzeitig auch ein feinsinniger Cineast, der sich regelmäßig mit dem Außenminister zum »Kanzlerkino« trifft. Seine Frau Harriet Breugel leidet nicht wie Hannelore Kohl an einer Lichtallergie, sondern kann Dunkelheit nicht ertragen, und damit ist dann auch die Brücke zu »Sächsischglas Scheubnitz« geschlagen.

Lutz Reinmar, glücklich verheiratet mit der Mathematikerin Sanna, bringt es in dem nach der Wende privatisierten Unternehmen zum Personalchef, während sein bester Freund und Kollege, der Glasermeister Bernd Vomturm, sich 1989 in den Westen absetzt. In einem Traditionsglasbauunternehmen in Köln-Nippes gelingt ihm eine sagenhafte Karriere. Er steigt im Regierungsviertel zum »Mann fürs Glas« auf und geht schon kurz darauf als Freund von Harriet Breugels jüngerer Schwester Erle im Kanzlerbungalow ein und aus. Lutz Reinmar erfährt all das durch einen »unerwarteten Brief« von dem alten Freund. Der »liebe alte Lutz« reagiert einigermaßen konsterniert und etwas neidisch auf den Aufstieg des Freundes, doch es wird sehr schnell klar, dass hier keine alte Freundschaft wieder aufgenommen werden soll. Ohne seine plötzliche Mitteilsamkeit zu erklären, folgen weitere Briefe und Postkarten, mit denen Bernd Vomturm aus seinem Leben berichtet. Weiß er, dass Lutz jahrelang als informeller Mitarbeiter der Stasi über ihn berichtet hat? Versucht er nun, den alten Freund mit »aller Glasbaukunst hinters Licht« zu führen?

Nach und nach entwirft der Roman fast beiläufig ein detailliertes Bild der Nachwendezeit. Im Fokus steht dabei der Umzug des Kanzlers, seiner Gattin und ihrer Entourage nach Berlin und eine Utopie, die den Architekturautodidakten Bernd Vomturm schon lange umtreibt. Er will im Berliner Umland einen neuen Kanzlerbungalow bauen, der nach dem Vorbild »Fallingwater«, einem ikonischen Meisterwerk von Frank Lloyd Wright, »Transparenz und Naturbau« verbindet. Die Figuren des Romans sitzen durch die wechselnden Blickwinkel, aus denen Mirko Bonné sie erzählen lässt, allesamt schon in einem gut beleuchteten Glashaus, in dem nichts verborgen bleibt: Die Frau des Bundeskanzlers verliebt sich in das Breugel-Double Zacho, einen ehemaligen Footballprofi, Vomturm lockt seinen ehemaligen Freund »Lutzel« in einen Abgrund aus Selbsttäuschung und Eifersucht, der ihn beinahe aus der Lebensbahn wirft. Am Ende ist man sich nicht einmal bei der kühl kalkulierenden Mathematikerin Sanna sicher, welche Rolle sie in all den fintenreichen Dramen spielt.

Streckenweise kann man diesen Roman fast wie einen Krimi lesen und doch ist er, wie alle Romane von Mirko Bonné, auch gespickt mit poetischen Wendungen und Referenzen aus der Kultur und Literatur. Ein seltenes literarisches Ereignis und ein Leseerlebnis, das man gut mit dem Lebensmotto von Bernd Vomturm unterstreichen kann: »Licht statt Parolen!«

Mirko Bonné, »Kanzlerkino«, Schöffling, € 25,–

30.10.2026 | Jürgen Abel