Navid Kermanis »Sommer 24«
Das Erwartbare kennen, das Unerwartete finden

Er ist einer der klügsten Gelehrten des Landes, habilitierter Orientalist und vielfach ausgezeichneter Schriftsteller. Neben wichtigen Essays und Reden hat der 1967 in Siegen als Sohn iranischer Emigranten geborene Navid Kermani vielbeachtete Romane veröffentlicht, zuletzt wurde er für sein erzählerisches Werk 2024 mit dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. Oft zitiert und besprochen wurde seine berühmte Rede im Bundestag zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes, und zu Tränen rührte er die Zuhörer bei seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2015. Gustav Seibt schwärmte in einer Eloge in der »Süddeutschen Zeitung« damals: »Dieser Schriftsteller ist viel mehr als ein bestens integrierter islamischer Autor – er ist ein deutscher Intellektueller, der sich ebenso kompetent zu Lessing, Kleist, Hölderlin und Kafka äußern kann wie zur islamischen Mystik.«
Von diesem Geist getragen wird auch »Sommer 24«, ein schmaler Roman, der nah am Leben von Navid Kermani davon erzählt, wie sehr sich durch die veränderte Weltlage seine ganz persönlichen Beziehungen und Gewissheiten verändern. Über weite Strecken liest sich der Text eher wie ein Bericht oder eine Reportage in eigener Sache, gleichzeitig gewinnt er dadurch an Glaubwürdigkeit und Präsenz – und ist natürlich doch eine Fiktion.
Im Zentrum stehen »einige Begebenheiten der letzten Monate«, wie es zu Beginn heißt. Da ist Rudolf, ein langjähriger Freund, Sohn von Auschwitzüberlebenden und Jude, der zur Persona non grata wurde, nachdem er rechtsextreme Positionen vertritt. Da ist die Hochzeit der Tochter des besten Freundes mit vielen Gästen auf einer griechischen Insel und eine Reise nach Äthiopien, wo gerade der grausamste Krieg unserer Zeit zu Ende gegangen ist. Doch nichts von all den Ereignissen und Erlebnissen trifft den Erzähler mehr, als ein unerhörter Vorwurf von einer Frau, der er vor Jahrzehnten begegnet ist. Er gefährdet alles, was ihn ausmacht und erschüttert sein Selbstbild tief. Wie lässt sich unsere Gegenwart mit all ihren Widersprüchen und Zumutungen noch begreifen, wie das scheinbar Unversöhnliche versöhnen?
Das sind die zentralen Fragen, die auch im Nachdenken über Thomas Manns »Zauberberg« oder eine Theateraufführung mit Texten von Antonin Artaud stets mitschwingen. Hoffnung findet der Erzähler bei all den Hiobsbotschaften, die ihn erreichen, »vor allem darin, dass in der Geschichte selten das Erwartbare geschieht«.
Navid Kermani hat mit »Sommer 24« einen so klugen wie berührenden Roman über unsere aus den Fugen geratene Zeit vorgelegt, der den Lauf der Dinge zwar kaum verändern wird, aber doch beispielhaft zeigt, wie man offen und direkt damit umgehen kann.
Navid Kermani, »Sommer 24«, Hanser, € 16,99
27.02.2026 | Jürgen Abel


