Nefeli Kavouras Debüt »Gelb, auch ein schöner Gedanke«
Die Jahre ohne Details

Es beginnt mit einem kurzen Prolog über »Das Danach« und einer profanen Frage, nachdem die Beerdigungsgäste gegangen sind: Wohin »mit den Kuchenresten«? Gleich darauf geht es um »Wiener Würstchen«. Die stehen in der Krankenhaus-Cafeteria zwar auf der Karte, können aber schon seit »vier Tagen hintereinander« wegen »Lieferschwierigkeiten« nicht ausgegeben werden, wie die Verkäuferin erklärt, die »auch wie ein Wiener Würstchen aussieht, oder eher wie eine Bockwurst«.
Nefeli Kavouras gibt damit in nur zwei Absätzen den Ton für ihre Geschichte vor, diese feine und manchmal auch deftige Ironie, die ihren Roman konzertiert und mit einer befreienden Distanz impft. Die Lektüre hat dadurch hohen Unterhaltungswert, obwohl eine tragische Geschichte erzählt wird. Weder Ruth noch ihre Tochter Lea, die in kurzen Episoden im Wechsel davon erzählen, sind auf »ein Leben ohne Georg« vorbereitet, den Vater und Ehemann, der einmal Architekt war. Doch als viel schlimmer erweist sich, dass Georg mit Pflegestufe vier zu einem »sterbenden Ewignichtsterbenden« mutiert. Wie soll man damit umgehen, dass der Vater jeden Moment sterben könnte und es dann doch nicht tut?
Ruth fragt sich jahrelang »jeden Tag, wie lange das noch geht«, und Lea wünscht sich irgendwann nichts mehr als »endlich Ruhe vom Sterben« zu haben. Das Leben geht zwar trotzdem weiter, aber für Ruth sind es Pflegejahre »ohne Details«, und Lea muss lernen damit umzugehen, dass nicht nur ihre erste große Liebe, sondern ihre gesamte Jugend von diesem zähen Sterbeprozess überschattet wird. Doch dann geschieht etwas, mit dem niemand rechnen konnte: Eine plötzliche Verwandlung katapultiert Georg aus dem Sterbebett, und der bis dahin realistisch erzählte Roman wird ergänzt um eine fast schon klassische fantastische Fiktion wie wir sie aus Märchen und Mythen kennen. Es ist ein Akt der Befreiung, durch den Lea und Ruth beide wieder in ihrem eigenen Leben ankommen können.
Literarisch ist diese Form der Selbstermächtigung durch ein fantastisches Element in Sterbegeschichten, die von Arthur Schnitzler über Heinrich Böll bis zu Karl Ove Knausgård sogar ein eigenes Genre der Literatur bilden könnten, gar nicht so ungewöhnlich, obwohl man sich bei der Lektüre dann doch die Augen reibt. Das unausweichliche Sterben wird in diesem sehr einfühlsamen und unterhaltenden Roman durch den fantastischen Kipppunkt plötzlich nicht nur annehmbar und erträglich, sondern zu einem Fest des Lebens. Die Kuchenreste sind am Ende zwar trocken geworden, doch sonst stehen endlich alle Zeichen auf einen neuen Anfang.
Nefeli Kavouras, »Gelb, auch ein schöner Gedanke«, Kiepenheuer & Witsch, € 23,–
31.01.2026 | Jürgen Abel


