Rachel Kongs Roman »Real Americans«
Das ganz Unwahrscheinliche und der Zauber mit der Zeit
Der »American Dream« und sein kapitalistisches Aufstiegsmärchen, dass es jede und jeder vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann, lässt sich bis zu den Gründungsmythen der USA zurückverfolgen. »Life, Liberty and the Pursuit of Happiness« proklamiert die amerikanische Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776 als universelles Recht. Bis heute ist es eine Freiheits- und Erfolgsverheißung mit weltweiter Strahlkraft, die in den USA von allen politischen Richtungen und Gesellschaftsschichten beschworen wird. Für Lily, die im ersten Teil von Rachel Khongs »Real Americans« aus ihrem Leben erzählt, erfüllt sich dieser Traum 1999 auf ganz unwahrscheinliche und spektakuläre Weise. Die einzige Tochter eines ehrgeizigen Paares aus China, das in der Genforschung in den USA tätig ist, arbeitet nach dem Studium eher gelangweilt und in prekären Verhältnissen in New York als unbezahlte Praktikantin in einem Medienunternehmen. Dort lernt sie bei einer Firmenfeier Matthew kennen und findet, trotz der großen Unterschiede ihrer Lebensverhältnisse, in dem in der Finanzbranche tätigen, so erfolgreichen wie gutaussehenden Mann eine große Liebe. Sie reisen gemeinsam spontan nach Paris und sind bald darauf in den Hamptons bei den Maiers zu Gast, einer Familie, die mit einem multinationalen Pharmaunternehmen zu sagenhaftem Reichtum gekommen ist.
Es ist ein etwas zu schönes Märchen, um wahr zu sein, und genau das macht es so lesenswert. Eher beiläufig zeigt Rachel Khong, wie fragil die Liebe zwischen Matthew und Lily eingerichtet ist – und wie leer das Versprechen eines gemeinsamen Glücks über alle gesellschaftlichen Gräben hinweg. Obwohl Lily »genauso typisch amerikanisch« ist, sieht sie im Spiegel nur »einen typisch amerikanischen Mann mit einer ausländischen Frau«. Alle Bemühungen ihrer Eltern, sich anzupassen, ihrer Tochter ein Leben als »echte Amerikanerin« zu ermöglichen, können die Entfremdung und Unsicherheit, die Ausgrenzung und den Alltagsrassismus der Gesellschaft nicht überbrücken.
Mit einer Reise nach Peking, bei der sich Lily auf die Spuren ihrer Mutter begibt, rückt dann gegen Ende des ersten Teils ein Familienkonflikt ins Zentrum, der durch ein zweifelhaftes Genexperiment ausgelöst wurde. Es ist nur eine von mehreren Zutaten, mit denen Rachel Khong den vielschichtigen Familienroman mit Genreelementen aus der Wissenschaft, Science-Fiction und Mystery befeuert. Gleichzeitig sind die drei Teile des Romans kunstvoll und bis in Details miteinander verzahnt. Die Aufstiegsgeschichte von Lily wiederholt sich im zweiten Teil, der 2021 einsetzt. In ihm rückt Nick, der Sohn von Lily und Matthew ins Zentrum, während der dritte Teil in der Zukunft spielt und mit Lilys Mutter Mei bis in die Anfänge der Kulturrevolution in China zurückgeht, um ihren Weg als hochbegabtes Kind einfacher Reisbauern in die Wissenschaftseliten Chinas und den USA nachzuzeichnen.
Was zu Beginn noch wie eine unterhaltende Netflix-Serie wirkt, mündet hier mit großer erzählerischer Verve in eine kunstvoll komponierte Geschichte über Herkunft und Identität in einer im Kern rassistischen Gesellschaft. Lily, Nick und Mei verbindet, dass es ihnen durch eine besondere Gabe gelingt, sich trotzdem zu behaupten. Es ist so eine Art Zauber, der ihnen erlaubt, fast frei über etwas von großem Wert zu verfügen, das man sich nicht kaufen kann: Sie können die Zeit anhalten und sich so einen Vorteil verschaffen. So gerecht das auch ist, überzeugt der Roman am Ende dann aber doch durch eine andere und sehr viel schlichtere Botschaft über die Einzigartigkeit des Lebens: »Haben wir nicht großes Glück gehabt? Unsere DNA ist für unzählige mögliche Menschen angelegt, und doch stehen du und ich hier – die Gewinner einer irren Lotterie.«
Rachel Kong, »Real Americans«, Kiepneheuer & Witsch, € 24,–
30.04.2026 | Jürgen Abel


