Robert Seethalers Roman »Die Straße«

Im Zwischenreich Jolanders

Robert Seethaler, Foto: Urban Zintel
Es gibt keinen richtigen Plot und das Thema lässt auch dann noch vieles offen, wenn man es auf die Frage herunterbricht, was am Ende von einem Leben bleibt. Dennoch ist Robert Seethalers neuer Roman »Die Straße« (Claasen) ein Leseerlebnis. Das liegt vor allem an der Sprache, die in ihrer Kargheit einen ganz eigenen Sog entwickelt. Und in einem Mosaik aus Geschichten einen feinen Abgesang auf einen unspektakulären Stadtraum einfängt, der irgendwo zwischen gestern und heute festhängt – noch nicht ganz fremd, aber auch nicht mehr ganz vertraut.

Sein Roman »Ein ganzes Leben« (2014) war ein Weltbestseller, und auch mit seinem Roman »Das Feld« (2018) stand Robert Seethaler für Wochen ganz oben in den deutschen Charts. Etwas weniger erfolgreich war sein Roman »Der letzte Satz« (2020), in dem er den Komponisten Gustav Mahler, der uns heute als ein Wegbereiter der Moderne gilt, auf einer Seereise nach New York begleitet. In seinem zuletzt erschienenen Roman »Das Café ohne Namen« hat er dann von einem Gelegenheitsarbeiter im Wien des Jahres 1966 erzählt und von all den Menschen, die in seinem Café zusammenkommen und ihre Geschichten erzählen, von ihrer Sehnsucht, ihren Verlusten und ihrem unverhofften Glück.

Ein ähnliches Szenario wirft nun auch sein neuer Roman »Die Straße« auf, der sich aus einem Mosaik aus Stimmen kleiner Leute zusammensetzt. Sie kommentieren und lamentieren über die Ereignisse eines Jahres, sie berichten und fantasieren, fallen sich gegenseitig ins Wort, ergänzen und widersprechen sich. Gemeinsam ist allen Erzählenden, dass sie in der Heidestraße zu Hause sind, die einst nach der »Zwergstrauchheide« benannt wurde, die im 19. Jahrhundert noch vor den Toren der namenlos bleibenden Stadt lag. Es ist ein so belebter wie unscheinbarer und austauschbarer Stadtraum mit ein paar Läden »von vorgestern«, einem Gasthaus »Zum Goldenen Mond«, einer Bäckerei, einem Blumenladen und dem »Haus Abendschein«, einem »weltlich geführten Haus« für die Alten, von denen die meisten aus der Gegend stammen. Der einzige ungewöhnliche »bauliche Akzent« in der Straße ist die Statue des »heiligen Jolanders«, ein »Kuriosum«, das die Bewohner als »Legende« durch ihr Leben begleitet, obwohl es sich religionswissenschaftlich wohl schlicht um Unfug handelt.

Dennoch sind es mehr als ein paar Übriggebliebene, die in diesem Zwischenreich Jolanders zu Hause sind, das noch nicht ganz in der Gegenwart angekommen ist, aber auch noch nicht Geschichte. Ihre Träume, Sehnsüchte und Geheimnisse spielen die Hauptrolle in diesem Roman, während die vorbereitenden Untersuchungen für das »Sanierungsgebiet Heidestraße« voranschreiten, Mieter gekündigt und Räumungsaufforderungen verschickt werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch der heilige Jolander verschwunden sein wird – und alles, was an ihn erinnern könnte, bis auf diesen schmalen Roman, in dem er eine Hauptrolle spielt.

Robert Seethaler, »Die Straße«, claasen, € 25,–

30.04.2026 | Jürgen Abel