Ronja von Rönnes neuer Roman »Alles Liebe«
Wenn Lügen lange Beine haben
Die einzelnen Episoden des Romans sind mit den Namen ihrer Hauptfiguren überschrieben: Laura, Barbara, Heike, Fedor und Mattis. Ihre Geschichten lassen sich unabhängig voneinander lesen, doch ihre ganze literarische Wucht entfalten sie im Zusammenspiel und der Kulmination in der grandiosen finalen Erzählung über den Lokaljournalisten Mattis, der wegen Vergewaltigung vor Gericht steht. »Lügen sind überlebenswichtig«, erklärte Ronja von Rönne in einem Interview über ihren Roman. »Sie können uns schaden, sie können uns schützen – und sie können uns zerstören.« In »Alles Liebe« steht die zerstörerische Kraft von Lügen im Vordergrund, und sie entfaltet sich, wie sich gleich in der ersten Geschichte zeigt, vor allem, wenn Lügen lange Beine haben.
Als ihre einzige Freundin Miriam an Krebs erkrankt, erhält Laura endlich die Aufmerksamkeit, von der sie als junges Mädchen schon glaubt, dass sie ihr zusteht. In der Schule wird sie zur »Krebsexpertin«, die allen erklärt, wie es der »todkranken Mitschülerin« geht und verhindert geschickt, dass auch andere aus der Klasse weiter in Kontakt mit ihr bleiben. Dass sie dafür hier und da lügt, bewusst Dinge weglässt oder verdreht, verdichtet sich zur Methode, als die Attraktion einer krebskranken Freundin durch den Anschlag auf das World Trade Center nachlässt. Laura will unbedingt weiter im Mittelpunkt stehen und erfindet eine Tante, die seit dem Anschlag vermisst wird und eine Cousine, die nur knapp überlebte. Sie erweist sich schnell als äußerst raffinierte Dramaturgin und entwickelt, wie sich im Mattis-Kapitel zeigt, großes Gespür für das Aufmerksamkeitspotential von Geschichten.
WZwei der Geschichten, die sie später als Reporterin ausschlachtet, werden dann erzählt: Barbara verliert sich nach einem Verlust in der Scheinwelt von Versandhauskatalogen und hält sich die Welt durch ein Lügengespinst auf Abstand. Heike gerät nach ihrer Pensionierung an die Grenze der Selbstverleugnung in ihrer Beziehung mit Norbert und blickt schließlich auf ein zerstörtes Leben zurück. Bei Fedor, der poetischsten Geschichte des Bandes, greift eine ganz ähnliche Mechanik. Gleich im ersten Satz erfahren wir: »Christina war ihm von Anfang an zu fett gewesen«. Das Künstlerpaar richtet sich bald dennoch in einem gemeinsamen Leben ein, mit einem fatalen Effekt: Christina verkleinert die Welt immer weiter in kuriosen Miniaturen und wird dadurch zur gefeierten Künstlerin, während Fedor den Erfolg seiner Frau kaum ertragen kann und immer noch höher hinaus will, so wie er es schon seit seiner Schulzeit plante.
Im letzten Kapitel des Bandes kämpft dann der Journalist Mattis um Aufmerksamkeit und muss sich seiner Kollegin Laura geschlagen geben. Es ist ein furioses Finale, bei dem alle Figuren noch einmal antreten. Wie schon in den Geschichten zuvor, wird man von dem tiefen Abgrund überrascht, der sich öffnet, wenn die Grenze einer alltäglichen Lüge durch ein vielschichtiges Narrativ überschritten wird, das die Wirklichkeit überschreibt. Fatal ist, dass es gelingt und möglich ist – in diesem Fall zum Glück nur in einem sehr unterhaltenden und auch nachdenklich stimmenden Roman.
Ronja von Rönne, »Alles Liebe«, DTV, € 23,–
29.09.2026 | Jürgen Abel


