Simon Urbans Roman »Wie alles begann und wer dabei umkam«

Alles, was recht ist

Simon Urban
Simon Urban, Foto: Tara Wolff
Seinen ersten Prozess strengt der Held dieses Romans schon im zarten Alter von 13 Jahren an. Als Ankläger, Anwalt und Richter in Personalunion inszeniert er ein Verfahren gegen seine tyrannische Großmutter. Sie wird wegen mehrfachen Mordversuchs und bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld zum Tode verurteilt. Bei diesem Auftakt von Simon Urbans »Wie alles begann und wer dabei umkam« (Kiepenheuer & Witsch) schmunzelt man noch über die Gewitztheit und die Phantasie des Ich-Erzählers. Doch ganz so leicht kommen die Leser*innen dieses virtuosen Schelmenromans nicht davon, denn es geht um alles, was Recht ist – und damit auch um die praktische Frage nach der angemessenen Rache.

Er wolle seine Literatur »zielgerichtet zwischen die Stühle von E und U« platzieren, also einerseits unterhalten, aber »auch keine literarische Schonkost abliefern«, sondern »bestenfalls sogar überfordern«, sagt Simon Urban in einem kurzen Video-Portrait von Sebastian Stuertz und Tara Wolff, das im Herbst zur Verleihung des Hamburger Literaturpreises für einen Auszug aus dem Roman erschienen ist. Das so ambitionierte wie kalkulierte Konzept verrät den höchst erfolgreichen und vielfach ausgezeichneten Werbetexter, der in der Hamburger Texterschmiede ausgebildet wurde, aber eben auch am Leipziger Literaturinstitut studierte. Urban hat sein Handwerk gelernt – und er beherrscht es bravourös. Schon sein Romandebüt »Plan D« (2011), in dem er eine fiktive Version der Wende in Deutschland durchspielt, wurde in elf Sprachen übersetzt und als ein »Text mit Muskeln« (Juli Zeh) gelobt. Die lässt Urban nun in dem glänzend durchgetakteten Roman »Wie alles begann und wer dabei umkam« für einen sehr zeitgemäßen, obsessiven Charakter spielen.

Gleich zum Auftakt stellt sich der Erzähler als ein zum Tode Verurteilter vor, der kurz vor seiner Hinrichtung ein »Konvolut« an seinen Anwalt schickt, eine Art Autobiografie. Sie erzählt von den wesentlichen Lebensstationen eines Helden aus dem schwäbischen Kleinbürgertum, von seinen Abenteuern und Amouren und von seinem »Studium der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in Theorie und Praxis«. Nach dem ersten Urteil gegen die Großmutter im Stuttgarter »Eigentum« professionalisiert sich der Erzähler in Freiburg, wo er sich als herausragender Jurastudent erweist. Doch sein Antrieb ist eine fatale Unbedingtheit, die eine Schneise der Verwüstung nach sich zieht: Als Tutor schart er eine Gruppe der »aufrichtigen Acht« um sich, die sich vertraglich verpflichtet, eine Intimität aus ihrem Leben zu offenbaren. Gezielte Tabubrüche kennzeichnen auch sein Liebesleben zwischen Sandra und Barbara und führen, nach einem steilen Aufstieg, der ihm ein Exzellenzstipendium beschert, zu einem bewusst provozierten Skandal an der Universität.

Für nicht weniger als eine Inventur des »weltweiten Gerechtigkeitsempfindens« begibt sich der angehende Jurist aus dem beschaulichen Freiburg daraufhin auf große Fahrt. Er ist besessen von der Vorstellung, dass Rache als Prinzip das Recht bestimmen müsste und will ein großes, ein revolutionäres juristisches Werk zum Thema verfassen. In Singapur verwandelt er sich schließlich in »ein gerechtigkeitsliebendes Werkzeug« und einen Vollstrecker im Superheldenkostüm. Seine Mission endet böse, aber das weiß man ja schon von allem Anfang an. Und reibt sich nach der Lektüre dieses furiosen Schelmenstücks dennoch so verblüfft wie beglückt die Augen. Ein toller Roman.

Simon Urban stellt »Wie alles begann und wer dabei umkam« am 31. März im Literaturhaus vor. Literaturhaus Hamburg, 19.30 Uhr, Streamingticket: € 5,–, Livestream und Tickets: www.literaturhaus-hamburg.de/programm

Simon Urban, »Wie alles begann und wer dabei umkam«, Kiepenheuer & Witsch, € 24,–


19.03.2021 | Jürgen Abel