Svenja Leibers neuer Roman »Nelka«
Die fehlende Geschichte
Es beginnt mit einem Brief aus der Ukraine an einen Gutsbesitzer, der ihm einen Besuch ankündigt. Nachdem der Eiserne Vorhang gefallen ist, kommen immer wieder Briefe aus dem Osten an, mit denen niemand mehr gerechnet hatte, »freundliche Post« ist nicht oft dabei. In den Jahren des Zweiten Weltkrieges waren fast ein Viertel der Arbeitskräfte in Schleswig-Holstein Zwangsarbeiter:innen, knapp 50.000 von ihnen arbeiteten in der Landwirtschaft, viele Höfe konnten nur durch sie im Krieg weiterbetrieben werden – und auch ihr Wissen war wertvoll, wie Svenja Leiber in ihrem Roman zeigt.
Nelka, die titelgebende Hauptfigur des Romans, kommt in einer Gruppe von 30 jungen Mädchen und Frauen aus der Ukraine im Sommer 1941 auf einem norddeutschen Gutshof an. Sie wurde wie alle anderen unvermittelt auf der Straße aufgegriffen und in den Westen verschleppt. Als hätte sie nur »auf den Moment gewartet«, kehrt sie Jahrzehnte später zurück, um etwas wiederzugewinnen, für sich selbst und ihre Enkeltochter, in der sie das »fehlende Gegenüber« erkennt, die »fehlende Geschichte« und das Gesicht des Gutsbesitzers.
Svenja Leiber erzählt im Wechsel von dem Besuch in der Gegenwart und in Rückblenden an die Jahre der Zwangsarbeit, die Nelka vor allem deshalb überlebt, weil ihr Vater sie früh schon im Obstbau unterrichtet. Durch einen Zufall erfährt der Gutsbesitzer davon, der eigentlich aus ganz anderen Gründen ihre Nähe sucht. In seinem Auftrag plant sie bald schon eine neue Apfelplantage und bringt auch sonst all ihr Wissen ein, ob über Veredelung, das Gießen oder den Schnitt von Apfelbäumen. Nach dem Krieg beschert es dem »Apfelgut Wilhelmsen« Reichtum und seinem Besitzer sogar einen Orden. »Der Obstbau hat sich gelohnt«, erklärt er Nelka bei ihrem Besuch fünf Jahrzehnte später. Sie sitzt ihm schweigend beim Abendessen gegenüber, obwohl sie lange glaubte, dass sie »ihn zur Rede stellen, ihn bestrafen, doch noch das letzte Wort« haben müsste. Es kommt ganz anders, jetzt wird er sich erinnern müssen und Nelka endlich vergessen können.
Svenja Leiber, »Nelka«, Kiepneheuer & Witsch, € 24,–
30.04.2026 | Jürgen Abel


